Zum Kuckuck

Das laute Ticken der Kuckucksuhr raubt ihr den Schlaf. Sie stöhnt und wälzt sich im Wohnzimmer auf dem Sofa hin und her. Sie sehnt sich danach, der Kuckuck solle endlich den Schnabel halten. Die Uhr hängt nur ein paar Schritte entfernt in der Küche. Am Kettenzug zu ziehen, um die Uhr zum Stillstand zu zwingen, getraut sie sich nicht, sie ist zu Besuch bei der Grossmutter. Dieses ewige Tick-Tack, der verzerrte Ruf vom Kuckuck alle fünfzehn Minuten und zur vollen Stunde lässt sie nicht zur Ruhe kommen. In der Stille der Nacht kommt ihr das Rasseln und Knattern vom Kettenzug unerträglich laut vor. Genervt steigt sie aus dem Bett, setzt sich in der Küche auf einen Stuhl, starrt auf die Zeiger der Uhr, die sich reich verziert auf dem Holzgehäuse drehen. Sie wartet geradezu darauf, daß sich der verhaßte Vogel zeigt und ruft. Verschlafen erhebt sie sich, stellt sich unter die Uhr um das Innenleben zu erkunden.

Nora Dubach - Zum Kuckuck

Walter Crane 1845 – 1915, aus dem Buch Die Kuckucksuhr der Frau Molesworth

Ein Vogel ist ein Symbol für Freiheit, sinniert sie. Der Kuckucksruf wird mit dem Einzug des Frühlings in Verbindung gebracht. Dieser bedauernswerte Vogel hat vom Frühjahr keine Ahnung, denn er sitzt gefangen in dieser dunklen Kammer. Als sich das Türchen viermal öffnet, fährt sie zusammen. Sekundenschnell zeigt sich der Vogel, verschwindet fluchtartig, gehetzt, programmiert. Er hat nicht die Möglichkeit sich zu präsentieren, kaum Zeit seine Flügel und Schwanzspitze zu heben.

Sie hat Mitleid mit dem Kuckuck, der auf einer Holzstange in einem dunklen Kasten sitzt. An einem am Türchen befestigten Drahtbügel angekettet darf er herausschauen, doch nur ein kurzer Blick in die Freiheit ist ihm vergönnt. Mit groben grauen Strichen sind die Flügel angedeutet, die typisch weißen Streifen über die Brust gemalt. Vorsichtig nimmt sie die Uhr vom Haken und legt sie auf den Küchentisch. Sie will das Innere erforschen. Die Klappe ist mit einem Drahtbügel am Fuß des Vogels befestigt. Sie stellt sich diese Situation bildhaft vor. Ein so dünnes Vogelbeinchen, drahtumwickelt, wie grauenhaft.

Laura singt leise: »Der Kuckuck und der Esel, die hatten einmal Streit, wer wohl am besten sänge, Kuckkuck, Kuckkuck – I-Aa.« Dazu tanzt sie um den Küchentisch. Neugierig läuft sie zum Bücherregal im Wohnzimmer, zieht ein Lexikon heraus. Sie will mehr über die Herstellung der Kuckucksuhr erfahren. Sie liest: Die Kuckucksuhr ist eine Pendeluhr mit Kettenzug und dem Schlagwerk als Besonderheit. Als Zeitanzeige dient der mechanische Kuckuck, der beweglich im Gehäuse hinter einer türähnlichen Klappe über dem Zifferblatt angebracht ist und zu jeder Stunde herausgeschwenkt wird. Dazu ertönen Kuckucksrufe je nach Anzahl der Stunden zusammen mit einem Gong. Der Ruf wird durch ein Paar unterschiedlich hohe Orgelpfeifen und einem kleinen Blasebalg erzeugt, den Schnabel aufsperrend macht der Vogel einen schnellen Diener. Die Uhr muß nach acht Tagen aufgezogen werden.

Nachdenklich schließt Laura das Buch. Für einen so kläglichen Kuckucksruf einen so großen Aufwand, denkt sie.

 

 

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