Ziel der Übung: Russland abschrecken

Zeichnung: Rolf Hannes

Noch scheinen sich Carl von Weizäckers Befürchtungen zu bestätigen. Das wegen Corona gestoppte Mega-Manöver „Defender 2020“ soll nun neben anderen Manövern doch fortgesetzt werden: Artilleriemanöver im Ostseeraum sowie Luftlandeoperationen „auf dem Balkan und in der Schwarzmeerregion“. Ziel der Übungen sei es, „Russland abzuschrecken“. In Ostasien hat das Pendant zu „Defender 2020“ – „Defender Pacific“ – das gleiche Ziel China gegenüber. Die Planungen für beide Großmanöver für 2021 laufen bereits. Während die deutsche Marine die „Nasse Nordflanke“ bei einem möglichen Krieg mit Russland schützen will – dazu werden neue Korvetten und Fregatten angeschafft – patrouilliert die US-Navy mit Kampfschiffen in der Arktis wie seit dem Kalten Krieg nicht mehr. Damit CvWs Befürchtungen nicht eintreffen, müssen vorbehaltlos und ideologiefrei die Archive in West und Ost in Bezug auf den 1. und 2. Weltkrieg und den Kalten Krieg geöffnet werden. Diese Forderung stellte der russische Präsident Vladimir Putin in seinem für die US-amerikanische Fachzeitschrift „National Interest“ verfassten Artikel über den 75. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs. Für Putin besteht die Notwendigkeit, die Analyse der Ursachen, die zum Weltkrieg geführt hatten, die Überlegungen über seine komplizierten Ereignisse, Tragödien und Siege, über seine Lehren – für unser Land und die ganze Welt – fortzusetzen.

„Und hier – ich wiederhole – ist es grundsätzlich wichtig, sich nur auf Archivakten, Zeugnisse von Zeitgenossen zu verlassen, und jegliche ideologischen und politisierten Spekulationen auszuschließen. Ich erinnere noch einmal an offensichtliche Dinge: Die eigentlichen Ursachen des Zweiten Weltkriegs ergeben sich in vieler Hinsicht aus den Entscheidungen, die zu den Ergebnissen des Ersten Weltkriegs getroffen wurden. Der Vertrag von Versailles wurde für Deutschland zu einem Symbol tiefer Ungerechtigkeit.“ Kein Wunder, dass diese geradezu beschämenden Ausführungen in Deutschland ignoriert werden. Der Vorgang in Versailles 1918/1919 wird vor allem von deutschen Politikern und der deutschen historischen Zunft bewusst weitgehend ausgeklammert und die Weltkriegsgeschichte ausschließlich auf den Zweiten Weltkrieg projeziert – hier ist der Aggressor deutlich auszumachen.

Die Rolle des Rachediktats

„Wo ist eine deutsche Bundesregierung und wo eine deutsche Staatsspitze“, fragt Willy Wimmer, „die sich einer Auseinandersetzung über die von Herrn Präsidenten Putin – ebenso wie vor einigen Wochen durch den französischen Präsidenten Macron – angesprochene Rolle des Rache-Diktats von Versailles 1919 stellen?“ Willy Wimmer kritisiert, dass sich weder der Bundespräsident noch die Bundeskanzlerin zum Hundertsten Jahrestag mit dem Vertrag von Versailles 1919 und seinen Folgen beschäftigt haben. Bei Putin und Macron ist die Erkenntnis schon angekommen: ohne Versailles kein Hitler und ohne Hitler kein Angriff auf Polen am 1. September 1939.

Das historische Gewissen der Welt

Für Willy Wimmer hat Präsident Putin „mit seinem Grundsatztext über die Lektionen aus dem Zweiten Weltkrieg einen herausragenden Platz im historischen Gewissen der ganzen Welt eingenommen“. Es bleibt abzuwarten, ob Putin auch Russland belastende Dokumente veröffentlichen wird, aus denen hervorgeht, dass Russland schon 1888 zum Nachteil Deutschlands mit der Annäherung an Frankeich begonnen hatte. Nach dem verlorenen und verlustreichen Krieg Russlands in der Mandschurei 1905 kam dann 1907 das russisch-englische Bündnis. Das deutsche Kaiserreich war damals also in einer ähnlichen Situation wie China heute. Wie würde sich Russland heute im Fall eines kriegerischen Konflikts China-USA/EU verhalten? Noch lässt die COVID-19-Pandemie keinen Blick in die Archive zu. Die Weltwirtschaft wurde mehr oder weniger zum Stillstand gebracht und dadurch eine Wirtschaftsdepression wie in den 1930er Jahren verursacht.

Schwarzbuch EU & Nato von Wolfgang Effenberger

Wolfgang Effenberger (*1946) wurde mit 18 Jahren Zeitsoldat, studierte Bauingenieurwesen und erhielt als junger Pionieroffizier Einblick in das von den USA vorbereitete „atomare Gefechtsfeld“ in Europa. Nach dem Ausscheiden aus der Bundeswehr Studium der Politikwissenschaft sowie Höheres Lehramt (Bauwesen/Mathematik). Er lebt als freier Buchautor bei München.

Quelle PI Politik Spezial 8/2020

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