Wir lesen – sie schreiben.

Thomas Bernhard schrieb sein Winterbuch Frost in der Badehose während der Hundstage im Hochsommer. In seinem Vorwort zum Sandbuch schreibt Jorge Luis Borges: Ich schreibe nicht für eine auserwählte Minderheit, an der mir nichts gelegen ist, noch für jene umschmeichelte platonische Wesenheit, deren Namen Die Massen lautet. Ich mißtraue beiden dem Demagogen so teuren Abstraktionen. Ich schreibe für mich selber, für die Freunde und um das Verrinnen der Zeit weniger schmerzhaft zu verspüren.

Wer so geil schreibt wie Jorge Luis Borges, darf das sagen. Wenn ich das sage, klingt das irgendwie nach einer kleinbürgerlichen Rechtfertigung. Nun. Seit Jahren moderiere ich Literaturkreise und spreche über Literatur. Mir fällt auf, daß viele was von Literatur verstehen, aber kaum einer was vom Schreiben. Das meine ich jetzt – bitte, bitte, veniam in me – gar nicht böse. Es ist mir nur aufgefallen. Wieso gibt es da eigentlich einen Unterschied?

Was unterscheidet die Klugscheißer von denen, die verzweifelt um Ausdruck ringen, und sich Tag für Tag, Nacht für Nacht Worte abpressen? Noch interessanter: Was verbindet sie? Und was geschieht da, wenn über Literatur gesprochen wird? Was bedeutet es, wenn dabei selten bis gar nicht über das Schreiben gesprochen wird, wenn über Literatur gesprochen wird? Fragen über Fragen. Es bedeutet – so meine traurige Feststellung – daß das Buch ein Produkt ist und das Schreiben ein Tun. Und wer was tut, braucht am Ende ein Produkt. Und das ist die Ideologie des Kapitalismus.

Klecksografie: Rolf Hannes

Da ich auch kreative Schreibkurse gebe und mit Menschen zusammenkomme, die einfach gern schreiben, zeigt sich: Es gibt ein Leben jenseits des Kapitalismus. Das ist schön und eine Hoffnung, auf die wir bauen sollten. Reden wir wieder mehr über den Prozeß und weniger über das Produkt. Dann wird auch das Leben schöner. Du bist nicht, was du hast – du bist, was du tust.

Darf man dann alles tun? Eben nicht. Wenn wir darüber nachdenken, was wir tun und nicht darüber, was wir haben, dann werden wir auch wieder über das Tun selber nachdenken. Und dann hört der Scheiß auf, der oft geschrieben wird. Andrerseits ist gerade das so geil am Kapitalismus, daß man alles schreiben, alles machen darf. Wenn man ehrlich bleibt und niemand anderem Schaden zufügt.

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