Wir haben alles im Griff!

Marina Linares: Figuras Nr. 3219

Wir wurden zur Leitung bestellt, genauer gesagt in den Hauptsitz. Es war das erste Mal, dass ich den imposanten Palast betreten durfte. Was hatte das zu bedeuten, hatten wir uns für den stagnierenden Vertrieb zu verantworten? Die sinkenden Verkaufszahlen waren nicht unsere Schuld, jedes Layout von uns war ein ästhetischer Genuss, die psychologische Wirkung subtil und effektiv. Eher lag der Abwärtstrend an der Übersättigung mit Kleingeräten oder an der Ökodiskussion. Sie schuf kein gutes Klima: Es wurde schon behauptet, der Energieverbrauch digitaler Produktionen, Servern, Kanälen und Endverbrauchern sei gewichtiger als der Schaden, den Flugzeuge oder Kohlekraftwerke verursachten. Der Empfang war freundlich und unübersehbar das exquisite Buffet im Nebenraum.

Enthusiastisch war die Begrüßung: „Freuen Sie sich, wir stehen kurz vor dem Ziel, bald haben wir alle im Griff!“ „Aber die Zahlen sind rückläufig. Kommt ein neues Gerät auf den Markt?“ „Auch das. Wir werden multifunktionale Kleincomputer an Privatleute verkaufen, die ihr ganzes Leben regeln. Aber das ist nicht das Neue, sondern: Die Nutzung wird exponentiell steigen, der Konsum sich verändern!“ „Erobern wir neue Kontinente?“„Wir erobern die Welt! Keiner kann sich mehr entziehen, dafür sorgen wir. Und mit der Klimadiskussion ist auch bald Schluss.“

Wir waren erfreut und neugierig, wie unser Ziel erreicht werden sollte. Schon lange arbeiteten wir entschlossen daran, doch gab es Rückschläge. Wie ließ sich das Konsumverhalten optimal steuern?

„Zuerst haben wir auf Anreize gesetzt. Bekanntlich wird alles angenommen, was kostenlos ist: Internetnutzung, Mailverkehr, Apps – und so hatten wir schon die meisten im Netz. Wir kennen die Kunden besser als sie sich selbst. Wir registrieren jede Kommunikation, jeden Kontakt, jedes Konsumverhalten, jede Vorliebe. Über JPS verfolgen wir alle Bewegungen. Aber leider wird die Technik nicht von allen angenommen. Im Gegenteil, seit der Klimadiskussion mehren sich kritische Stimmen.“

„Der bargeldlose Zahlungsverkehr war auf dem Vormarsch, ist aber wegen hohen Energieverbrauchs in Misskredit geraten. Unsere sprechende PC-Assistentin Corinna, mit der Abhörtechnik in Privaträume installiert, wird zu wenig genutzt. Digitale Konferenzen sind selten im Einsatz.“

„Ja, global ist noch viel zu tun. Manche bevorzugen bis heute persönliche Kontakte anstelle unserer Kommunikationsmedien. Mehr noch, es mehren sich Stimmen, die gesetzliche Regelungen und Beschränkungen für die Internetnutzung fordern. Wie sollen wir uns positionieren?“

„Kein Grund zur Sorge. Wir haben die Lösung! Wir ändern unsere Taktik und setzen nicht mehr auf Appetenzen für unsere Produkte, sondern auf Aversionen gegenüber Alternativen. Wir werden die Menschen isolieren, damit sie unsere Dienste nutzen müssen. Wir schalten das Informationsangebot, wir bestimmen die Kontakte, die Beschäftigungen, die Gedanken!“ „Und wie schaffen wir das? Wird es nicht Widerstand geben in demokratischen Staaten? Noch gibt es Bürgerrechte, wie setzen wir sie außer Kraft?“

„Wir bombadieren mit Meldungen und Bedrohungen. Wir verbreiten Angst und Schrecken. Gesetze und Bürgerrechte gelten in Staaten, wir aber regieren global und bestimmen die Lebensverhältnisse auf der ganzen Welt! Corona wird uns dabei helfen. Dann haben wir alles im Griff.“

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