Wiedersehen

Zeichnung: Rolf Hannes

Du hast zugenommen, sagte er beiläufig. Er meinte es als Kompliment und vielleicht war es etwas tapsig, sie nach so vielen Jahren mit einem solchen Satz zu begrüßen, doch es war zu spät. Ihre Mundwinkel verzogen sich nach unten, große Verblüffung spiegelte sich in ihren Augen. Wirklich? fragte sie etwas gequält. Er rang um die Worte, beteuerte, wie gut sie ausschaue, wie er und nicht nur er, sondern ganz viele, ja fast alle seiner Freunde, die Männer, der Mann an sich, auf füllige Frauen stehen würden, was nicht heißen solle, sie sei füllig, sondern wohlproportioniert, eine Frau eben. Fraulich, weich. Aber keineswegs vollschlank, er wisse, was das heißt. Auch ihre Kleider, sie umschmeichelten, höben hervor, alles am richtigen Platz eben. Und noch immer ihre schönen Haare, kein Grau, die Wimpern, alles wie früher. Er wollte eigentlich schon lange das Thema wechseln, aber er überschlug sich angesichts ihres irritiert dreinschauenden Blicks in weiteren Interpretationen und Variationen und fand nicht mehr heraus. Er verglich sie mit Marilyn Monroe, mit Klasseweibern wie es sie heute kaum mehr gibt. Er fand in ihren Wangen die Wangen einer Frau: Sie dürfen nicht eingefallen sein, sie müssen sich nach aussen hin aufplustern, nein, wölben wäre das richtige Wort, zum Gegenüber hin, streckend, wachsend, bejahend wie das pure Leben! Das mache den Unterschied, ob jemand positiv oder negativ herüberkomme. Es wäre für ihn widerlich mit einer mageren, an Holz erinnernden Statur zusammenzuprallen oder mit einem solchen Skelett zu tanzen. Das könne er und wolle er sich nicht ausmalen. Da müsse man richtig anfassen können, nicht zögerlich berühren, sondern richtig packen, rein ins Abenteuer! Sie würde er mit beiden Händen anfassen können, drangvoll und klar. Da bräuchte er keine Wegweiser. Mit ihr würde er tanzen, quer durchs Parkett, die ganze Nacht lang. Dann würden nämlich auch die sanften Bewegungen, die zum guten Tanz dazugehören, von selber kommen. Der Rhythmus, der Takt, alles wäre da. Das könne er sich sogar sehr gut vorstellen, da gibt es keine Blockaden in seinem Gedankengang, wenn sie ihm erlaubte in diese Richtung zu schweifen. Da liefe alles wie von selbst, wie ein guter Motor eben verlässlich läuft und läuft und läuft. So würde es auch bei ihnen laufen, faßte er zusammen. Sie starrte ihn an. Es wurde ihr fast schwindlig. Die Worte schlugen ihr entgegen wie kleine Kügelchen und lagen rings um ihre Füße, wie ausgesät. Sie wollte nur noch weg.

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.