Wie sich die Zeiten ähneln!

Zeichnung: Rolf Hannes

Auch das Menschliche kann man nur artistisch* zur Betrachtung bringen, denn dies ist ja der Weg zur artistischen Welt. Dafür eignet diesem Weg die Unmöglichkeit der Lüge: er beruht auf der Sicherheit des Körperlichen und der Schemenhaftigkeit des Geistes, der sich variabel materialisiert. Er hat Realität, das heißt, ihm fehlt die Appretur, der Schwindel mit auswattierten Substanzersätzen, ich spreche von unserem Kontinent und seinen Renovatoren, die überall schreiben, das Geheimnis seines Wiederaufbaus beruhe auf „einer tiefen, innerlichen Änderung des Prinzips der menschlichen Persönlichkeit“ – kein Morgen ohne dieses Druckgewinsel! -, aber wo sich Ansätze für diese Änderung zeigen wollen, setzt ihre Ausrottungsmethodik ein: Schnüffeln im Privat- und Vorleben, Denunziation wegen Staatsgefährlichkeit, Abendlandbedrohung, Humanitätssabotage – Denunziation als Form von Revolution, diese ganze bereits Bonzen-, Trottel- und Lizenzträgerideologie, der gegenüber die Scholastik hypermodern und die Hexenprozesse universalhistorisch wirken.

Gottfried Benn: Der Ptolemäer 1947


*Mit artistisch bezeichnet Benn das Kreative des Menschen schlechthin.

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