Westliche Moral

Westliche Waffenlieferungen und Sanktionen sind nicht moralisch, sondern dumm. Für verantwortungsbewußte Politiker gibt es nur eine Option: Friedensverhandlungen.

Von Jürgen Todenhöfer

Moralisch sind – frei nach Kant – Handlungen, von denen ein gerechter Mensch denkt, dass sie für die ganze Welt gelten sollten.

Wie sind unter diesem Aspekt die Waffenlieferungen an die Ukraine zu bewerten?

Nun, wenn die Nato aus moralischen Gründen ab jetzt allen völkerrechtswidrig überfallenen Staaten Waffen liefern müsste, würde auf der ganzen Welt Krieg herrschen.

Wir müssten dann dem überfallenen Jemen Panzer schicken, genauso wie Taiwan, wenn es demnächst von China angegriffen würde. Auch den Irak hätten wir letztlich militärisch unterstützen müssen, als die USA ihn auf der Basis einer Lüge überfielen. Und was wäre mit Palästina?

Eine Strategie, die zu mehr Krieg auf der Welt führt, kann nicht moralisch sein.

Unsere Waffenlieferungen an die Ukraine, die militärisch kaum etwas nützen, aber den Konflikt verlängern und zur Weltkriegsgefahr mit möglichen Atomwaffen-Einsätzen führen könnten, sind daher unmoralisch.

Und was ist mit unseren Russland-Sanktionen? Wie moralisch korrekt sind sie?

Die Antwort ist hierbei noch leichter: Sie schaden uns mehr als Russland, das durch die explodierenden Gaspreise – trotz verringerter Exporte – Milliarden mehr verdient als vorher.

Sanktionen, bei denen sich der Sanktionierer auf Jahre ruiniert, während der Sanktionierte wirtschaftlich profitiert, können nicht moralisch sein. Sie sind einfach nur saudumm.

So viel selbstmörderische Dummheit kann ich – Kant folgend – nicht zur moralischen Pflicht der ganzen Welt erklären.

Durch die Sanktionen steuern wir auf die schwerste Wirtschaftskrise der Nachkriegsgeschichte zu. Sie wird vor allem die einkommensschwachen Bevölkerungsschichten treffen. Diese werden schon im kommenden Winter hungern und frieren und ihre geringen Ersparnisse verlieren, während unsere so «moralischen» deutschen Politiker sich ausgerechnet jetzt ihre Gehälter um über zwei Drittel des Hartz-IV-Regelsatzes erhöht haben.

So viel selbstzerstörerische und schamlose Dummheit kann nicht moralisch sein.
Die Frage ist also: Gibt es einen Ausweg aus dem moralischen Irrgarten?

Ja. Wir müssen der Ukraine politisch-diplomatisch helfen. Durch kluge Friedensverhandlungen. Sind diese schwer? Ja!

Sind sie erfolgversprechend? Vielleicht, vielleicht aber auch nicht.

Aber die Schwierigkeit von Verhandlungen gibt uns nicht das Recht, den Weltfrieden und den hart erarbeiteten Wohlstand unserer Bevölkerung zu verspielen. Will heißen: Obwohl der Ukraine-Krieg Russlands ohne Zweifel völkerrechtswidrig ist, sollten wir unsere Sanktionen und Waffenlieferungen einstellen.

Weil sie unmoralisch und dumm sind.

Für verantwortungsbewußte Politiker gibt es nur eine berechtigte Option: Friedensverhandlungen.

Die Fortsetzung der jetzigen Sanktions- und Waffenlieferungs-Strategie führt Europa ins Chaos.

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