Wem gehört denn das Meer?

Die Mücke landet auf seinem Knie. Fach sieht ihr bei dem Versuch zu, ihren Rüssel durch das Gewebe der Hose in sein Bein zu stoßen, um an sein Blut zu kommen. Der Stoff ist zu dick. Entspannt genießt er diesen Sieg der Zivilisation. Seine Begleiterin erzählt von Inseln, auf denen das Betreten jedes Strands kostet. Und dann habe ich die Strandkartenverkäuferin gefragt: Wem gehört denn das Meer?

Die Sonne brennt zwischen einem Versicherungshochhaus und den Aufbauten der Hausboote Frohsinn und Heiterkeit, auf denen sich im Gegenlicht müde Musiker für die Nacht dopen. Warum denkt Fach an Krabbenbrötchen?

Wie du hier herkommst? Du fährst mit der S-Bahn bis Treptower Park, gehst in Fahrtrichtung die Treppe runter und stehst in einem Quertunnel vor einer gekachelten Wand. Der auf einer Decke auf dem Steinfußboden vor dir scheint hier festzusitzen. Haste mal ein paar Cent? Neben ihm ein zusammengerollter schwarzer Haufen Hund, vor ihm steht eine kleine afrikanische Trommel als Sockel der Schale für deine Kollekte. Du zahlst für die Wahl, ob du nach links oder rechts gehst. Rechts ist Alltag. Vor der Station reihen sich internationale Bierbuden, die Illusion der Welt durch multikulturelles Fastfood. Basar von nicht gelebten Geschichten, Second Hand – Glückseligkeiten, zu lauten Beteuerungen, Dumpfheit und Rausch, dahinter die Straße. Du gehst nach links.


Zeichnung: Friedel Kantaut

Die Mücke bohrt immer noch erfolglos nach Blut. Fach bewundert ihre Beharrlichkeit. Wieviel verschwendete Zeit in einem kurzen Insektenleben. Wasser und Worte plätschern. Zeit. Ein Schwan nähert sich. Nicht echt. Tot. Sicher perfekt präpariert. Er ahnt die Silhouette des Tauchers im trüben Wasser, der das tote Tier durch den alten Fluss bewegt. Vom Ufer bewerfen Kinder den Schwan mit Brot. G7. Treffer und versenkt. Fach denkt darüber nach, die Stadt zu fluten.

Links ist Freizeit. Die Lebenshaltungskosten steigen um dreißig Prozent. Grünanlagen. Walker, Skater, Blader, Hunde, Kinder. Entblößtes Fleisch für den Sonnengott. Hautschutzfaktor Null ist Fundamentalismus. Dahinter der Fluss. Wenn Du an der Anlegestelle für die Ausflugsdampfer, dann an den Hausbooten Frohsinn und Heiterkeit und an dem gestorbenen Schwan vorbei bist, liegt ein Lastkahn im Wasser. Auf dem von der Zeit gedengelten, rostigen Bug steht Schute 22*. An Bord erhebt sich Fach und sagt: Schön, dass du da bist.


* Als Schute wird ein kleines, flaches Schiff bezeichnet, meist ohne eigenen Antrieb und ohne Takelage.

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