Von Clunies und Heinzelmännchen

Clunies sind fürs Chaos zuständig, sagst du, während ich mein Frühstücksei köpfen will. Du sagst, dass Clunies zum Beispiel immer die Knoten in meine Kopfhörer machen, kurz bevor ich sie aus meiner Handtasche ziehe. Ich hasse das. Gebe ihnen trotzdem eine Chance, sagst du, sie sind wichtig. Fürs Gleichgewicht. Wer nur Perfektion will, soll sich eine teure Automatikuhr kaufen. Aber wer will schon eine Welt wie ein Uhrwerk, fragst du und ich weiß, dass ich darauf gar nicht antworten muss. Clunies sind auch verantwortlich für Kreativität, redest du weiter, weil sie sich nicht an Anleitungen halten. Wie sehen diese Clunies denn aus, frage ich, aber du blockst mich ab und sagst, dass ich nicht so oberflächlich sein soll. Jeder Clunie darf so aussehen wie er will und ich soll sie bitte so nehmen, wie sie sind. Ob die Clunies auch dafür verantwortlich sind, dass immer ein Socken fehlt, will ich wissen und du sagst, natürlich. Aber die Frage, wo sie die Socken alle verstecken und was sie damit machen, ignorierst du und meinst, dass die größten Feinde der Clunies die Heinzelmännchen sind. Das macht Sinn. Dieses permanente Arbeiten und Aufräumen ist eindeutig zwanghaft. Heinzelmännchen sind ja immer so pflichtbewusst und total unlocker und sehen deshalb auch schon so alt aus, sagst du. Die haben ja auch Übergewicht und wahrscheinlich Schnappatmung. Du fragst, ob ich schon einmal ein junges, sportliches Heinzelmännchen gesehen habe und ich verneine wahrheitsgemäß. Clunies sind viel entspannter und nicht so verbissen.

Marcus Pfeiffer

Zeichnung: Rolf Hannes

Sie haben Spaß und keine vollen Terminkalender. Auch würden sie nie auf die Idee kommen, nachts zu arbeiten. Sie lieben ihre Freiheit und machen nur das, was ihnen Spaß macht. Chaos zu verbreiten macht immer mehr Spaß als aufzuräumen, sage ich, und du stimmst mir zu. Aber ist halt praktisch, wenn alles da ist, wo es hingehört, weil man es dann gleich findet, meine ich, aber du unterbrichst mich und sagst, dass man dann eben kreativ sein muss. Eine Bierflasche kann man auch mit einer E- Gitarre aufmachen. Dabei hast du wieder diesen herausfordernden Blick und ich gebe mich geschlagen. Klar sind die Clunies die Cooleren, aber einen Uniabschluss bekommt man mit der Einstellung nicht, sage ich, und in unserer Welt sind es die mit der Heinzelmännchen-Einstellung, die am Ende mit dem Cabrio in den Sonnenuntergang fahren. Aber ich soll nicht schon wieder so kapitalistisch sein, schon klar. Du nickst nur und nippst an deinem kalten Kaffee. Ich kenne diesen abwesenden Blick von dir. Jetzt bist du irgendwo, weit weg, nur nicht hier. Ich starre dich an und frage mich, ob du jemals was auf die Reihe bekommen wirst. Seit acht Semestern studierst du ständig wechselnde Fächer. Acht Semester, da haben andere schon ihren Master in der Tasche und waren zwei Jahre im Ausland. Dabei bist du ja nicht faul. Du machst ja ständig was, aber halt nie was fertig. Und ich bin keine Mutti, die dich ständig ermahnt. Irgendwie passt du nicht in die heutige Welt. Als 68er wärst du bestimmt gut gewesen. Als Rudi Dutschke. Hättest eine Aufgabe gesehen. Würdest für die Freiheit, für mehr Demokratie und gegen die Notstandsgesetze kämpfen. Aber in unserer unpolitischen Zeit ohne Ideale scheint kein Platz für dich zu sein. Jeder ist zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Und wer an andere denkt oder einfach nur anders denkt, fällt zurück. Es macht mich traurig, dass ich weiß, dass ich dich irgendwann verlassen werde. Dass ich mal abends ein schickes Kleid anziehen und teuer Essen will. Oder einen stumpfsinnigen Hollywoodfilm sehen will. Mit dir undenkbar. Vielleicht hast du recht. Vielleicht braucht es mehr Clunies in einer Welt, in der die Heinzelmännchen die Herrschaft übernommen haben. Eine kleine Revolution. Ein bisschen mehr Chaos und Freiheit. Fürs Gleichgewicht. Ich lächle dich an und nehme dir das Messer aus der Hand, mit dem du versuchst, dein Ei zu köpfen. Das hast du noch nie gekonnt. Aber dafür hast du ja mich.

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