Verstoßenes Anschüchtern

Die Rohheit der Scham, der Lippen –
wie wenn man sich beim Sprechen an sich selber vergeht
(wie verstoßenes Anschüchtern)

Rolf Hannes: Zeichnung und Collage aus Oswald von Wolkenstein, 1997

Etwas zwiegespalten beobachte ich, wie deine Hand
nur noch auf Verlangen sich berührend bewegt.
Die Einzige, du, die mich
seit 2.000 Nächten nicht heimlich
unter einen Baum vergraben hat.

Ewig leuchtendes Element,
verbring ich nun den ganzen Tag
in einem sanften Lichtstrahl.
Ohne eine einzige Minute zu schlafen.
Dein Schlaf lässt mich schlaflos zurück.
Manchmal schlürfst du mich in
ein, zwei Momente hinein
(mein Überleben).

Bin dann verliebt
in den unten durchkriechenden Kerzenschein.
Das Knarzen der Holzdielen.
Als du sie verlassen wolltest.

Aufstehn.
In der ewigen Wiederkunft der Nervenwaage.
Ständig in der Schwebe.
Wie auf Eis rutschend.
Dein Tänzeln …
dort oben zwischen den immer feiner werdenden Ästen
und den kitzelnden Zweigen.
Wie Eis unter deinen Sommerschuhen.
In der Ecke im Hausflur schräg ein Buch.
Es stand da, um manchmal die Tür offen zu halten.
Mit erhobenem Kopf
und geraden Atemzügen
kamst du dir vor
wie ein Hinausschreiten.

Hin und wieder wird es behutsam,
wenn es Abend wird.
Gestern noch, als ich mir
auf dem Bahnsteig zwischen meinen Füßen
und dem Himmel ganz nah war,
kam mir der Gedanke,
dass man ohne Sprache vielleicht besser lebt.
Sie ist zu eifersüchtig.
Ihr ständiges Vor-sich-hin-Murmeln.
Und ihre Angst, ausberührt zu seyn.

Und dann plötzlich das:
Endlich mal eine Zeit in sich spüren,
nicht irgendwohin zu gehen.
Endlich ein Ein- und Ausatmen
ohne Buchstaben.

Es tropft immer noch eine Träne aus dir heraus …

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