Verletzte Sicherheitszone

Gelbes Kunstlicht beleuchtet die fast leeren Bahnsteige. Er beachtet kaum die Hinweisschilder, die ihn beim ersten Mal zum Ziel geführt hatten. Vorbei an Reihen grüner Hartschalensitze, quer über den feuchten Asphalt zählt er die Bordsteinkanten bis Bahnsteig sieben. Neben der Säule, die das Vordach trägt, leuchtet das Neonversprechen „Dörthes Imbissbude“. Hinter zugezogenen Vorhängen, schimmert es blau. Reiner Zufall, wieder hier zu sein und Hunger. Er drückt die Klinke.

Der lange vermißte Geruch von altem Fett. Zwei Gäste, männlich, einer ordnet vor sich leere Schnapsgläser, der andere steht am Spielautomat, und das Radio plärrt Es fährt ein Zug nach nirgendwo.

„Na, junger Mann, auch mal wieder unterwegs,“ ein angemessenes Vorspiel.

Dörthe heißt nicht Dörthe sondern Norma und ist nur eine Angestellte von Dörthe, die es höchstwahrscheinlich gar nicht gibt. Norma hat ihre blonden Haare zu einem Zopf zusammengebunden und ihr Gesicht frisch gestrichen. Für wen, wenn nicht für ihn. Er schiebt sich an einem weißen Stehtisch vorbei zu dem Fensterplatz in der Ecke. Im Schutz des Kaffeeautomaten genießt er ihren Auftritt in der Kulisse aus einer Vitrine mit Frikadellen, Hühnerflügeln und Senfeiern, dem Kühlschrank mit Bier und Limo, dem Gurkenglas, einer Flasche Goldbrand, einem Stapel Pappteller. „Ein Bier und Pommes Mayo.“ Alles ist gut, der Geruch, die Schlagermusik, zwei unaufmerksame Rivalen und Norma.


Grafik: Friedel Kantaut

Mit der Holzzange nimmt Norma eine Wurst vom Grill, legt sie in eine Pappschale und beginnt zu schneiden. Fleischsaft spritzt auf ihr Handgelenk. Ihre runden Finger mit den verlängerten dunkelgrünen Nägeln halten das Messer und fixieren die Schale. Eine Hand wischt den Saft auf ihre Plastikschürze, die andere greift zur Ketchupflasche, preßt die Soße auf die Wurstscheiben. Als sie sich über den Gurkensalat beugt erkennt er das stecknadelgroße Muttermal auf ihrer linken Brust, steigt ab ins sichelförmige Schattenfeld darunter. Seidenbegrenzt.

It’s allright now schreit der Spielautomat dazwischen und spuckt Münzen. Sie kommt mit Bier und Pommes auf seinen Tisch zu. Verdammt viel Frau, verpackt in einer gepunkteten Kittelschürze, die knapp überm Knie endet, die Füße in kurzen Gummistiefeln. Dann trinkt er seinen ersten Schluck Bier auf ihren sich wieder entfernenden Arsch und tunkt eine Pommes in die Mayonnaise.

Fortsetzung folgt.

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