U-Bahn-Gesänge 3: U35

(Die U-Bahn-Strecke U35 führt von Nord nach Süd durch Bochum. Sie endet im Süden an der Haltestelle Hustadt direkt hinter der Ruhr-Universität und im Norden am Schloss Strünkede kurz hinter dem Herner Bahnhof. Sie wird vornehmlich von Studenten genutzt, da sie die Universität direkt anfährt.)

Langsames, wunderschön schwebendes, ohne den Lärm kaum erträgliches Eiern im Raum. Unbequeme Sitzbänke reihen sich an ei nan der; das hässliche Muster erhebt sich wie Pickel auf meiner Netzhaut. Ein schlauchförmig wachsender, wurmähnlich sich windender Fortsatz aus Glas und aus Stahl, der nur einen Namen hat: U35.
Lebensader. Mein Amazonas, auf dessen Wellen ich einen Baumstamm reite. Reißende Fluten zerren mich vorwärts vorbei an Makaken und Papageien am Ufer. „Ausstieg in Fahrtrichtung… Ausstieg in Fahrtrichtung… Polly will einen Fahrschein… Polly will einen Fahrschein!“ Vor dem Fenster ist Wasser, ich meine zu tauchen, mein Baumstamm wird Tunnel dann U-Boot, wir sinken.

Scheiße! Wasserrohrbruch.

Jan Jerig - U35

Zeichnung: Rolf Hannes

Bahnhöfe können nicht angefahren werden, draußen steigt weiter das Wasser. Die wenigen Insassen denken an Kannibalismus. Studenten, die Wolfs- und die Schafspelze tragen, von denen einige glauben, sie wissen wohin sie fahren und andere tun es, denn sie wollen nur endlich nach Hause. Eine Frau mit Kind spricht in ein Telefon, man werde sich verspäten. Merkt die nicht, dass wir tauchen? Eine Seekuh schwimmt träge vorbei, sie trägt Schaffneruniform, möchte gern wissen ob ich einen Ausweis habe; Seegras nähme sie auch. Ich verstehe kein Wort, zwischen uns ist eine Scheibe. Höre nicht hin und sie trollt sich. Man wird immer blöd angeguckt wenn man mit Großsäulen spricht. Ich verhandle nicht mit Seekühen.
Wir steigen, einen Moment glaube ich, Laternenfische zu sehen, die uns begleiten. Spielerisch surrend geleiten sie uns an die Oberfläche, als täte ihnen leid, dass wir gehen müssen. Wir verlassen die See im Bochumer Süden. Ich stelle mich zwischen die Mitgefangenen, freihändig, breite die Arme aus, höre Surfing Bird über den Kopfhörer. Genieße den rhythmischen Wellengang. Autos fahren neben uns wie hässliche Delfine, ich winke ein paar von ihnen spielerisch zu, hoffe, dass einer von ihnen springt, aber vergebens. Die Haltestelle, Hafen erbärmlicher Absatz von Frischfleisch für grau gewandete Bildungshändler. Wie ich gähne gähnt auch der Ausgang. Soll ich… heute bis zum Ende fahren…? Ich glaube, ich bin es ihm schuldig, dem Schiff, das mich sicher durch alle Gefahren begleitet hat. Studium ist morgen auch noch. Dein letztes Geleit geb ich dir, U35. Wir zwei sind allein, nur der Knecht in deinem Gehirn ist noch bei uns, doch er fühlt dich nicht, er fährt dich nur. Ich fahre mit dir. Du Wesen aus Träumen, bist hässlich mit wummerndem, elektrisch entfesseltem Pulsschlag. Bist Abenteuer, Schiff und dem Offenen ein Freund und Begleiter. Ein letztes Mal streichle ich deine schäbigen Sitzpolster, bemerke den Geruch von Ausfluss, der versucht, mir die Schuhe auf den Boden zu kleben. Dann öffnest du mir deine Türen und ich verlasse an der Endstation deinen Bauch. Nicht weinen, denke ich. Morgen sehn wir uns wieder. Mit diesem Gedanken sehe ich ihr nach, als sie mich auf diesem öden Eiland, am Rand der Zivilisation zurücklässt. Und noch bevor ich bemerke, dass das jetzt die letzte war. In der Sekunde bevor mir klar wird, dass ich auf dieser Betoninsel festsitze wie seinerzeit Robinson. Vor meinem mordsmäßigen Wutanfall. Denke ich: U-Bahn, ist gut für die Seele.

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