Tischgemälde

Im Dunkeln trägt eine Glasplatte den Tisch durch die Lüfte, und auf den sich zankenden Stühlen kleben, sonderbar aus sich heraus murrend, Köpfe. Sie haben etwas zu sagen, behaupten einige Servietten und zerren an den Zungen. Ein kleiner rotbrauner Salamander schreit auf und huscht über den Tisch.

Einige Wolken, immerzu Kumulus flüsternd, hellen die Dunkelheit auf, fliegen, zart die Köpfe streichelnd, vorbei.

Sieh nur diesen Flaum, ruft ein Kopf. Ja, dieses Weiß ist so zart und formlos wie die Luft selbst. Alle Köpfe nicken.

Streit ist ausgebrochen. Ein Teller hat sich erhoben und tanzt verzückt über den Tisch. Abgenagte Hühnerbeinchen drehen sich in der Schwerelosigkeit. Das Glas steigt. Es ist hartes Glas und weiß nichts von Zerbrechlichkeit. Aus den Köpfen ragen die Zungen heraus, weit heraus ihr fleischiges Rot ins Nichts. Der Bastkorb kennt sich aus, weiß woher er kommt: aus der Mitte des Tischs. Die weißen Servietten, eben noch zerrten sie an den Zungen, haben sich zurückgezogen, liegen zerknüllt am Rand. Sie bilden traurige Häufchen, sind längst nicht mehr so weiß. Manche träumen von den Wolken. Andere bereiten sich vor. Sie wissen, sie können wütend werden. Aber sie ernten nur Gelächter: Ihr seid keine Wolken. Ihr seid viel zu schwer.

Dies ist das Signal für die Traurigkeit. Sie kriecht aus den faltigen Häufchen wie verschreckte Tiere und ihre Tränen umspülen das Nichts, durch das der Tisch wandert.


Bild: Rolf Hannes

Jemand beschließt, das Ganze zu malen.

Aber der Pinsel weigert sich. Sich verausgaben, aufweichen – wozu? Vom Rand des Tischs, unmittelbar aus dem Nichts, durch die Dunkelheit tastend, eine Hand: mit feinen violetten Bahnen und spitzen Dornen darauf, greift nach dem Glas und taucht alles in dieses volltrunkene Schattenbild, straffe Kreise ziehend.

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