Super 8

Es war der hellste Mond des Jahrs. Das hatte in der Zeitung gestanden. Sie versuchte zu schlafen, aber Licht durchflutete ihr Zimmer. Vor ihren geschlossenen Augen flimmerte und tanzte es.
So fing es immer an. Sie wusste, dass jetzt wieder der Film beginnen würde, der sich nächtlich in ihrem Kopf abspulte. Es waren die tobenden, torkelnden Bilder einer Super-8-Kamera, projiziert auf eine vergilbte Wohnzimmertapete. Die Bilder zeigten sie, in einer weit ausgestellten Cordhose, ihre kleine Schwester an der Hand. Sie liefen durch den Garten. Ihre Schwester lachte, sie lachte auch. Ihr Vater, hinter der Kamera, lachte und lallte. Hin und wieder erschien ihre Mutter. Auch sie lachte, wenn die Kamera sie streifte. Sie lief schneller, immer schneller, zerrte ihre kleine Schwester mit. Ihre Schwester rief, bleib stehen, ich kann nicht mehr, aber das hörte man nicht, wenn die Bilder an die Wand geworfen wurden. Man hörte nur das Surren des Projektors, sah schwarze Punkte, die über die Tapete tanzten. Winzige Partikel, die sich in den Film eingebrannt hatten. Dann das plötzliche Weiß, wenn die Filmrolle zu Ende war, das Holpern des haltlosen Films in der Spule.
Sie öffnete die Augen. Das Mondlicht war so hell, dass es sie fast blendete. Sie drehte den Kopf zur Seite. An der Wand zitterte die Silhouette eines Baums. Äste wankten im Wind, Blätter flatterten. Sie sehnte sich nach Stillstand.
Sie stand auf, ging in die Küche und setzte Teewasser auf. Sie goss das kochende Wasser über den Teebeutel und betrachtete wie es sich zu verfärben begann. Sie zog ein paarmal an der Schnur, bevor sie den Teebeutel herausnahm und auf der Arbeitsfläche ablegte, wo eine kleine Pfütze entstand.
Sie ging mit der Teetasse in der Hand zum Schreibtisch. Vor ihrem Fenster auf einem Ast saß eine Krähe, die kehlige Laute ausstieß. Auf dem Schreibtisch lag ein Zeichenblock. Sie strich mit der Hand darüber. Sie nahm einen Stift und prüfte die Spitze mit der Fingerkuppe. Sie drückte bis sie einen leichten Schmerz spürte, legte den Stift beiseite und fuhr mit dem Daumen über die Druckstelle. Sie nippte an ihrem Tee.
Sie nahm den Stift wieder in die Hand, ging zur gegenüberliegenden Seite des Zimmers und begann, die Konturen des Baums auf die Tapete zu zeichnen. Der Stift folgte den Linien des Stamms, der Äste, die sich immer weiter verzweigten.

Andrea Salt - Super 8

Zeichnung: Rolf Hannes

Es war, als führte der Stift ihre Hand, nicht ihre Hand den Stift. Er führte sie durch das Labyrinth der Zweige und Blätter. Sie zeichnete, bis ihr der Stift vor Müdigkeit aus der Hand fiel.
Als sie am nächsten Morgen aufwachte, schien die Sonne ins Zimmer. Ihr Arm hing über der Bettkante, der Stift lag auf dem Boden. Das Zimmer hatte sich verändert, aber das Bild, das der Mond an die Wand projiziert hatte, war noch da. Es bewegte sich nicht.

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