Sufi-Geschichte 8

Das Ärgernis

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© R. H.

Der Sufimeister Ajnabi sagte: Schreib dem Mullah Firoz und sag ihm, ich habe keine Zeit, mit ihm zu korrespondieren, und deshalb hab ich nichts zu sagen zu seinem Brief.

Der Schüler, Amini, sagte: Ist es deine Absicht, ihn zu ärgern mit diesem Brief?

Ajnabi sagte: Er war verärgert über einige meiner Schriften. Dieser Ärger bewog ihn, mir zu schreiben. Die Stelle in meiner Schrift, die ihn ärgerte, war genau berechnet für Leute wie ihn.

Amini sagte: Und dieser Brief soll ihn weiterhin ärgern?

Ajnabi sagte: Ja. Als er aufgebracht war über das, was ich schrieb, war er sich nicht bewußt über seinen eignen Ärger, den ich beabsichtigte. Er dachte, er wisse Bescheid über mich, während er nur mit seinem Ärger befaßt war. Nun schreib ich wiederum, seinen Ärger anzustacheln, daß er seines Ärgers bewußt wird. Das ist das Objektiv meiner Arbeit, wodurch der Mensch erfährt, daß sie ein Spiegel ist, in dem er sich selbst erblickt.

Amini sagte: Die gewöhnlichen Leute nehmen immer an, daß diejenigen, die Ärger verursachen, es unbeabsichtigt tun.

Ajnabi sagte: Ein Kind mag annehmen, ein Erwachsener, der einen Dorn aus seiner Hand entfernt, mache das ohne Absicht. Ist das eine Rechtfertigung, ein Kind vor dem Aufwachsen zu bewahren?

Amini sagte: Und wenn das Kind einen Groll gegen den Erwachsenen hegt, der den Dorn herauszieht?

Ajnabi sagte: Das Kind hegt keinen wirklichen Groll, denn etwas in ihm kennt die Wahrheit.

Amini fragte ihn: Aber was geschieht, wenn er sich nicht selbst erkennt und es weitergeht in dem Gespinst persönlicher Gefühle?

Ajnabi sagte: Wenn er es nicht dahin bringt, sich selbst zu kennen, ist es gleichgültig, was er von anderen Menschen denkt, weil er niemals würdigt, was andre wirklich mögen.

Amini fragte: Ist es nicht möglich, anstatt ein zweites mal Ärger zu entfachen, zu erklären, die ursprüngliche Schrift lade den Mullah ein, seine voreiligen Gefühle anzuschauen.

Ajnabi sagte: Es ist möglich, das zu tun, aber es hat keinen Erfolg. Eher wird es einen gegenteiligen haben. Falls du dem Mann deinen Grund sagst, wird er sich vorstellen, du entschuldigtest dich. Und das wird in ihm Überlegungen wecken, die ihm nur schaden. Also, bei aller Erklärung wirst du seinen Schaden betreiben.

Amini sagte: Gibt es keine Ausnahmen von dieser Regel – daß der Mensch nur durch Erkenntnis zu sich kommt, die ihm nicht erklärt werden kann?

Ajnabi sagte: Es gibt Ausnahmen. Aber wenn es genug Ausnahmen für jeglichen Unterschied auf der Welt gäb, blieben keine Mullahs Firozes übrig.

 

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