Sufi-Geschichte 2

 Durstig

Sufi-Geschichte 2

© R. H.

Einstmals gab es einen König, der großen Durst verspürte. Er wußte nicht genau, was die Schwierigkeit war, aber er sagte: Meine Kehle ist trocken. Um dem Zustand abzuhelfen, machten sich Lakaien auf, etwas Angemessenes zu finden. Zurück kamen sie mit einem dünnflüssigen Öl. Als der König es trank, fühlte sich seine Kehle nicht mehr trocken an, aber er spürte, irgendwas stimmte nicht. Das Öl verursachte ihm ein merkwürdiges Gefühl im Mund. Er krächzte: Meiner Zunge geht’s schrecklich. Das ist ein merkwürdiger Geschmack. Es ist so schmierig. Flugs verordnete der Arzt Gepökeltes mit Weinessig. Der König aß es. Bald bekam er Bauchschmerzen und vor lauter Kummer tränten seine Augen. Ich denke, ich habe Durst, murmelte er, soweit konnte er denken in seinem Leid. Durst macht niemals wäßrige Augen, sagten die Höflinge untereinander. Aber Könige sind oft launisch, und sie rannten nach Rosenwasser und wohlriechendem dickflüssigen Wein, wie gemacht für einen König. Der König trank das alles, fühlte sich aber nicht wohl, und sein Befinden verschlimmerte sich. Ein weiser Mann erfuhr davon und sagte: Seine Majestät braucht gewöhnliches Wasser. Ein König kann niemals einfaches Wasser trinken, riefen die Höflinge. Gewiß nicht, sagte der König. Und, in der Tat, ich fühle mich beleidigt, sowohl als König wie als Kranker, mir nacktes Wasser anzubieten. Kurzum, es ist schlicht unmöglich, daß ein solches Leiden wie meins eine so einfache Lösung hat. Diese Vorstellung ist gegen alle Logik, eine Beleidigung des Leidenden und der Krankheit. So kam der weise Mann zu dem Namen Der Schwachsinnige.

 

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