Sufi-Geschichte 12

Der Entwurf

Ein Sufi aus der Bruderschaft der Nakschbandi* wurde gefragt: Dein Ordensname meint wortwörtlich Die Entwerfer. Was entwirfst du, und für was braucht man es? Er sagte: Wir sind sehr beschäftigt mit Entwürfen, und sie sind sehr nützlich. Hier ist eine Parabel eines solchen Entwurfs.

Einem widerrechtlich eingesperrten Blechschmied erlaubte man einen von seiner Frau gewebten kleinen Teppich. Alle Tage lag er hingebungsvoll auf seinem Teppich und sprach seine Gebete. Und eines Tags sagte er zu seinen Wärtern: Ich bin arm und ohne Hoffnung, und ihr verdient einen Hungerlohn. Aber ich bin ein Blechschmied. Bringt mir Blech und Werkzeuge, und ich werde kleine Kunstwerke herstellen, die ihr auf dem Markt verkaufen könnt, für beide Seiten mit Gewinn. Die Wärter waren einverstanden, und alsbald machten sie und der Blechschmied ihren Schnitt, von dem sie Essen kauften und Annehmlichkeiten.

Dann, eines Tags, als die Wärter zur Zelle kamen, war der Vogel ausgeflogen.

Viele Jahre später, als die Unschuld des Mannes bezeugt war, fragte ihn derjenige, der ihn eingesperrt hatte, wie er geflohen sei, welche Magie er angewandt habe. Er sagte: Es ist eine Frage des Entwurfs, des Entwurfs innerhalb des Entwurfs. Meine Frau ist eine Weberin. Sie fand den Mann, der die Schlösser der Zellentüren gemacht hat und bekam den Entwurf von ihm. Den webte sie in den Teppich, an die Stelle, die mein Kopf täglich fünfmal berührte. Ich bin ein Metallarbeiter, und dieses Zeichen sah für mich aus wie das Innere eines Schlosses. Ich ließ mir den Plan für die Kunstwerke einfallen, um an das Material zu kommen für den Schlüssel – und ich floh.

Das, sagte der Nakschbandi, ist einer der Wege, auf dem der Mensch seine Flucht vor der Tyrannei seiner Gefangenschaft durchführen mag.


*Nakschbandi ist eine Sufi-Bruderschaft, die von Bahaudin (Buchara 1318 – 1389 ebenda) begründet wurde.

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Das Nakschbandi-Mausoleum in Buchara

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