Sterben für Kiew?

Wir haben Russland mit erstaunlicher Dummheit behandelt. Jetzt zahlen wir den Preis dafür. Ich weigere mich, an diesem Karneval der Heuchelei teilzunehmen.

Peter Hitchens:

Im Sommer 2010 befand ich mich im wunderschönen Hafen von Sewastopol und beobachtete die rivalisierenden Flotten Russlands und der Ukraine, die im Sonnenschein der Krim vor Anker lagen. In den Straßen dieser eleganten Stadt mit ihren Säulengängen, Statuen und Denkmälern mischten sich Matrosen der beiden Flotten. Die Russen sahen wie Russen aus, mit ihren riesigen Hüten und edwardianischen Uniformen. Die Ukrainer wirkten eher wie US-Marines auf Landgang in San Diego.

Bis zu diesem Zeitpunkt war die Ukraine in den rund zwanzig Jahren ihres Bestehens ein einigermaßen harmonisches Land gewesen. Nach diesem Besuch sah ich große Schwierigkeiten heraufziehen, sowohl auf der Krim als auch im Donbass, wohin ich in jenem Jahr ebenfalls reiste. Die Ukrainer hatten begonnen, sich dumm zu verhalten. In einem Land voller Russen versuchten sie, Russisch zu einer Sprache zweiter Klasse zu machen. Russen, die dort jahrzehntelang glücklich gelebt hatten, wurden unter Druck gesetzt, die ukrainische Staatsbürgerschaft anzunehmen und ukrainische Versionen ihrer Vornamen zu verwenden. Etliche Menschen sagten mir, dass sie sich durch diese Politik bedrängt fühlten. Warum konnten sie nicht einfach in Ruhe gelassen werden?

Hoffen auf eine russische Zukunft

Weit draußen zwischen den verlassenen Halden der sterbenden Kohlereviere fand ich die verfallene, halb verlassene Stadt Gorlowka, die sich seit 2014 inmitten eines inoffiziellen Kriegsgebiets befindet. Diese Stadt war von der Ukraine in ihrer selbstherrlichen Art in Horliwka umbenannt worden, obwohl kaum jemand, den ich dort traf, sie so nannte. Ich erinnere mich, wie ich an jenem kochend heißen, fast stillen Nachmittag dort ein russisches Bier genoss, während ich Musik von einem russischen Sender hörte. Ich schrieb recht vage, dass die Menschen auf der Krim und im Donbass auf eine russische Zukunft hofften – und diese auch erwarteten. Ich dachte, wenn die Ukraine ein starrer ethnisch-nationalistischer Staat sein wolle, sei eine Art friedliche Einigung mit der russischen Minderheit erforderlich. Ich ahnte nicht, an welche Leidenschaften ich da gerührt hatte.

Der Artikel wurde von meinem alten Freund Edward Lucas, einem guten Journalisten, als «bestürzende Entgleisung» angegriffen. Ich antwortete auf seinen Vorwurf mit der Warnung, dass «die Zukunft in diesem Teil der Welt noch lange nicht geregelt ist und wir uns vielleicht auf weitere Unruhen vorbereiten sollten, anstatt uns einzubilden, dass wir einen goldenen Weg des Friedens und des Wohlstands für immer eröffnet haben». Nun werde ich beschuldigt, ein «russischer Lockvogel» oder ein Verräter zu sein. Die Beleidigungen machen mir wenig aus, weil ich weiß, dass sie falsch sind. Zudem bin ich in den letzten dreissig Jahren von Experten aller Art beleidigt worden. Das ist normal, wenn man das tut, was ich tue.

Ich weigere mich, die Kriegshysterie mitzumachen, die Großbritannien und den Westen jetzt erfasst hat. Und es ist eine Hysterie. Ich habe gehört, wie ein angesehener britischer Abgeordneter die Deportation aller Russen aus dem Land forderte – aller Russen. Ich habe Verrückte gehört, die eine «Flugverbotszone» in der Ukraine fordern. Wenn sie ihren Willen bekämen, würde das einen schrecklichen und sofortigen europäischen Krieg bedeuten. Ich vermute, dass sie nicht einmal wissen, was sie da fordern. Könnt ihr bitte alle diesen Karneval der Heuchelei abblasen?

Fortsetzung folgt.

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