Steiniger Weg

Martin Kirchhoff - Steiniger Weg

Bild: Rolf Hannes

Mit geflüstertem Gruß verlasse ich das Bistro und ziehe den Mantelkragen hoch. Stattlich erhebt sich mir gegenüber der verbliebene Rest der Stadtmauer. Ehrfürchtig vor den Geschichten der Geschichte, die niemand kennt, blicke ich hoch und richte mich darin ein, versonnen in meiner Geschichte, die ich mir hererinnere, die ich jetzt auf die Steinwand projiziere. Sie fügt sich ein in die Fugen der Steine, die im Schein der Straßenlampe verschwimmen, sich zu Gesichtern verwandeln, zu Buchstaben, Runen, Hieroglyphen, dann wieder Steine werden, brüchig und fest zugleich, wie das Leben selbst. Wieder Gesichter, nicht mehr fremd, aus den abgelaufenen Zeiten meines schmalen Daseins, eingezwängt von Mauern der Moral und Regeln, über die Buchstaben fließen, tanzen, sich zu Begriffen verbinden, die kurz aufglimmen, dann wieder erlöschen. Kurz verziehen sich meine Lippen, setzen zu einem Lächeln an, da erkenne ich mich auf der Wand, ein Relief, das sich bewegt, die Beine hebt und senkt und auf der Stelle tritt. Bruchstücke irgendeines Jazzsongs holpern aus dem Bistro in die Gasse, streifen mein Gehör. Einen Lidschlag lang schweigt die Stadtmauer, als lausche sie diesen oder anderen Klängen oder auf meine Atemzüge und ich sehe mein sich verrenkendes Relief, das versucht zu tanzen. Da torkelt ein Betrunkener in die Gasse, unverständlich lallend. Schwankend bleibt er stehen, stützt sich an der Stadtmauer ab, dann lehnt er sich kopfwackelnd an, beugt seinen Oberkörper und kotzt sich aus. Ein Kommentar zur Weltgeschichte. Lächelnd kehre ich mich ab, der Trunkenbold schwankt weiter, verschwindet im Dunkel. Ich löse mich von der Wand, mache mich auf den Weg. Langsam, mit kleinen Schritten, betrete ich die Nacht.

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