Spitaleri und I Limoni 3. Teil

Gegen Ende des Aufenthalts mietete ich einen kleinen Wagen, damit wir endlich einmal auch ins Landesinnere kämen und den Ätna sähen. Man kann um ihn herumfahren, mit der Gondel zum Gipfel hinauf, wir konnten aber nicht wirklich behaupten, ihn gesehen zu haben. Die Landschaft lag unter Wolken und im Nebel.

Bei der Weiterfahrt machten wir erst Halt in Bronte und spazierten in den Ort hinein, der sich anschickte, ein Fest zu veranstalten. Es war der Pistazie gewidmet, die in der Gegend überreich geerntet wird. Man kauft sie in Säckchen.

Manfred Poser - Mutter in Bronte

© Manfred Poser: Meine Mutter in Bronte

Danach wollten wir Kaffee trinken und parkten das kleine Auto in der gottverlassenen Ruhe eines Samstagnachmittags in der Hauptstraße von Adrano. Nicht einmal Leuten, die an der Küste wohnen, sagt der Name etwas. Ein Ort im Landesinneren, gegründet bereits um 400 vor Christus.

Hat einmal mit ein paar Häusern angefangen, dann projektierte man die Hauptstraße (Corso Garibaldi), deren Steine längst blankgeschliffen sind; das Ding hatte bald einen Namen, wuchs, bekam Gestalt und Identität. Hier leben Menschen, auch wenn man sie am Samstagnachmittag nicht sieht, und deshalb kann man, hier lebend, gewiss alles erfahren, was einen zu einem reifen Menschenwesen macht. Der Hauptplatz wird links vom normannischen Kastell und rechts, weiter entfernt und höher gelegen, vom Stadtkern markiert, gruppiert um die hochstrebende katholische Kirche Chiesa Madre.

Manfred Poser - Chiesa Madre

© Manfred Poser: Chiesa Madre in Adrano

Hatte nochmals bei Wikipedia nachgeschaut. Denn jemand könnte mich berichtigen wollen. Der 36.000 Einwohner zählende Ort ist natürlich bei Wikipedia bekannt. Vermutlich wollen sie dort drinstehen der Reklame wegen. Seltsam, wie diese Welt durch Wikipedia und Googlemaps nochmals neu erfunden und beschrieben, geradezu festgehämmert wird: fixiert auf beängstigend detaillierte Weise. Blinde Flecken gibt es kaum mehr; das Wißbare ist in einer eigenen Dimension aufgehoben, jedoch gerastert mit den allbekannten Kriterien Tourismus, berühmte Namen, Gründung, Verkehrsverbindungen.

Manfred Poser - Sizilianischer Karren

© Manfred Poser: Eine hübsch bemalte sizilianische Karre

Das alles hängt geisterhaft im Netz, und dazu legen sich jeden Tag journalistische Berichte über das Allerneueste wie Ringe um die Welt: immer mehr Details über immer weniger Wirklichkeit, Facebook-Kommentare und Twitter-Gezwitscher. Die Fantasie ist das Opfer dieser Welthaltigkeit und eines begeisterten Hierseins, dem es immer größere Mühe bereitet, Löcher ins Freie aufzureißen. Alles ist so sehr abgedichtet gegen Ungewohntes.

Sehen wir uns die armseligen Krimis an, es sind Klone der verwalteten Welt, und die dicken Romane mit ihren banalen Dialogen klingen wie schlechte Fernsehspiele im Zweiten Deutschen Fernsehen um 20.15 Uhr, und überhaupt: Fernsehen, dieses verlogene Medium, und, fast schlimmer: Filme aus den USA, Kriminalserien, Katastrophenfilme oder verkitscht begütigende Familienfilme. Dies alles erstreckt sich weit ins All, als eine Art M-Band-Rauschen, wie es Robert Monroe einmal beschrieben hat (M für mind), als verdichteter süßlicher Nebel aus Zuckerwatte, und man muss wie im Märchen sich erst einmal durch diesen Brei fressen, um in die freie Luft der Wahrheiten und der frischen Gedanken vorzustoßen, jene Welt, die es irgendwo geben muss.

Ende

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