Sehnsucht

Zeichnung: Rolf Hannes

Die Enden zu langer Grashalme kratzen in der Morgendämmerung an meinen nackten Beinen entlang. Barfuß streife ich über nasse Wiesen, die satt im Tau liegen. Schon in wenigen Stunden werden sie völlig ausgetrocknet sein, aber um halb sechs hungern sie zur Mitte des Juli noch der aufgehenden Sonne entgegen. Von singen Vögeln lasse ich mich über die Schwelle des anbrechenden Tages tragen. Leben hat diesen bittersüßen Geschmack bekommen, seit ich alt genug bin, um etwas aus mir machen zu müssen. Da prügeln sich zwei Instanzen in mir, da schlägt meine innerste Empfindung auf einen Zwang ein. Eine

Amtsgewalt. Wenn man mir Vorwürfe macht, halte ich mir die Ohren zu. Sie bluten ja schon. Sie sind wundgescheuert von all den Solls und Muss. Ansprüche denen ich genügen muss, bevor ich darüber nachdenken darf, was ein Anspruch überhaupt ist.

 Ich bin nicht krank, Mama. Ich fühle. Und die Empfindsamkeit. die überwältigt mich. Niemand hat mir je beigebracht. wie ich sie besänftigen kann. Wie unterhalte ich mich mit ihr? Der Lebensstrom. der reißt mich einfach mit. Ungebändigte Sehnsucht tobt in meinem ahnungslosen Körper. Er wird einfach mitgerissen. Die Lebensflut quillt mir aus den Poren, die Hitze steigt mir zu Kopf und das Herz überschlägt sich heillos. Eine unendliche Kraft kitzelt in den Fingerspitzen, das unendliche Verlangen nach Lebendigkeit.

Mit dieser Einstellung findest du keinen Job. Mit diesem Zeugnis auch nicht. Mit diesem Aussehn schon gar nicht. Mama, Mama, so hilf mir doch! Wie lerne ich der Konformität zu gefallen, wenn mein Herz so wütend dagegen anschlägt? Wie lerne ich, es zu betrügen? Irgendetwas rebelliert furchtbar laut in mir, schreit krakeelend dem Himmel entgegen. der sein Dunkelbunt langsam gegen eine zarte Röte tauscht. Auf die Knie falle ich, beiße ins Gras, stehe wieder auf und bete die Sonne an, die mich mit ihrem Licht noch nicht ganz zu erreichen vermag.

In mir reißen Abgründe auf, verschlingen vermeintlichen Verstand, ersticken erlogene Einsicht. Mama, was ist dieser Schmerz? Wenn sich in der Arbeitswelt bereits Weizen von der Spreu trennt, und ich mich trotzdem nur darauf konzentrieren kann, wie sich mein Herz unmerklich vom Körper löst.

Ein Vögelchen, so zart und zerbrechlich. Es liegt da zappelnd im hohen Gras und beinahe wär ich darauf getreten. Ich sehe diesen Baum hinauf, aus dem es gefallen sein muss. Ich knie mich zu ihm nieder, traue mich nicht, es zu berühren. Aus dem Wipfel piepst das Leben zu mir herunter.

Meine Seele beginnt zu weinen. Sie weint bitterlich. Denn ich weiß nicht, was man am besten tut, wenn man so ein nacktes Stück lebendiges Fleisch in der Wiese findet. Wie rette ich es nur, Mama? Man darf ein Vögelein doch nicht anfassen, sonst nimmt es die Mutter nicht mehr. Aber wird es nicht sterben, wenn ich es hier liegenlasse? Jetzt weine ich mit, weine mit meiner Seele im Einklang. Und aus den aufgerissenen Abgründen steigt sie wieder empor, die ungebändigte Sehnsucht. Sie schmiegt sich versöhnlich an mich. sehnt sich nach mir. Ich kann ihrem Fiebern nicht widerstehn. Mama, warum hast du mir nie erklärt, was Gefühl ist? Auch nicht in der Schule hab ich es nicht gelernt, und dort hab ich mein halbes Leben verbracht.

Du bist jetzt zwanzig, du musst langsam mal wissen, was du willst. Du musst wissen, wo dein Leben hinführen soll. Die Sehnsucht sagt, ich muss das nicht. Und die Lebendigkeit, sie weiß sogar, ich muss nicht s u c h e n. Was ich will, wer ich bin, wohin ich möchte. Ich muss nicht suchen, denn ich kann nur finden. Bei allem, was ich tue, kann ich nur etwas finden.

Du kannst keine Verantwortung übernehmen, du kannst ja nicht einmal dein Zimmer aufräumen. Wahrnehmung formt Wahrheit. Meine Hände formen ein Körbchen. Hinein leg ich das hilflos zuckende Vögelchen. Dann trag ich es nachhause und laufe den ersten Sonnenstrahlen direkt in die geöffneten Arme.

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