Scherben

Sie ging die Straße entlang. Die jagenden Fragen im Rücken ließen sie schneller gehen. Bis sie sich umdrehte, ihnen die Zunge entgegenstreckte und lachte. Die Fragen verschwanden. Die junge Frau setzte ihren Weg mit träumerischem Blick im Gesicht fort und genoss die nur für sie gemachten Sonnenstrahlen.

Neben ihr stanken und dröhnten die Autos, schoben sich in einem trostlosen Konvoi durch die Stadt und zwangen sie an der nächsten Kreuzung zum Stehenbleiben. An einem dieser Pfähle, die in periodischen Abständen Menschentrauben anzogen und auf Signal wieder entließen wie ein Elektromagnet, den man an- und abschaltet. Der Magnet stand unter Strom, Menschen kamen näher und blieben in seinem Feld hängen.

Sie mochte diese magnetischen Ansammlungen nicht, wäre jetzt lieber in die Luft gesprungen und radschlagend auf und davon, um der lähmenden Anziehungskraft zu entkommen. Aber sie hatte gehört, es sei gefährlich, sich aus dem Feld zu lösen und loszufliegen.

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Kohlestaubzeichnung: Marlies Blauth

Haben Sie keine Angst, dass Sie sich verletzen, wenn Sie so durch die Stadt laufen? schossen Worte von links in ihr Ohr und ließen sie zögern. Sie warf einen irritierten Blick zur Quelle der Worte. Na, ich mein so ohne Schuhe. Hier liegen doch überall Glasscherben rum.

Sie blickte nach unten, erschrak, kam ins Wanken. Überall Scherben. Mittendrin ihre nackten, zierlichen Füße. Sie konnte das Gleichgewicht nicht mehr halten, unfähig einen Fuß zur Seite zu setzen. So weit sie schauen konnte ein Scherbenmeer, dem sie sich im Fall immer schneller näherte. Sie tauchte ein in die stechenden Fluten, die sich von allen Seiten in ihren schutzlosen Körper bohrten und ihr mit ihren scharfen Kanten die Luft zum Atmen abschnitten.

Bevor ihr schwarz vor Augen wurde, sah sie, wie sich ihr Blut mit den schneidenden Fluten mischte und die Straße färbte. Sie dachte noch: Aber ich bin doch geflogen. Ich war doch gar nicht in eurer Scherbenwelt.

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