Richard Fach 7. Teil

Wulf

Genie ist die Verdichtung des Banalen. (David Theobald, London 1847)

Wie würde ich dir das erklären, Wulf, mal angenommen, du wärst jetzt hier. Ich bin zu deiner Beerdigung gekommen, weil du meiner Traurigkeit für kurze Zeit einen Namen gegeben hast. Sie hieß Wulf, und manchmal trägt sie auch jetzt noch deinen Namen. Vorbei an dezent beleuchteten, zimmergroßen, leeren Terrarien mit Wasserstellen und Ruhezonen zwischen Zen und Art Deco in die Trauerhalle. Der Sarg, in dem du dich höchstwahrscheinlich befindest, steht unter dem Kreuz mit dem Nagelmann. Es für dich um hundertachtzig Grad zu drehen, wäre angemessen. Ein Soundtrack schwimmt in die Halle, bei dem du den Ort auf der Stelle verlassen hättest. Kann ich testamentarisch die Inszenierung meiner Beerdigung verbieten lassen? Muss ich mal googlen.

Friedel Kantaut - Richard Fach 7

Grafik: Friedel Kantaut

Der Stuhl neben mir ist leer. Ich bin die einzige Einpersonengruppe, und das macht mich auffällig. Die Musik verdunstet. Eine hagere, schlecht gelaunte Frau schleppt sich langsam zum Rednerpult. Stille. Immer noch Stille, dann schiebt die Trauerrednerin in Zeitlupe Worte in unsere Richtung. Silbe für Silbe, unterbrochen von Stille. Lie be Trau er ge mein de… Diese Stille und der Raum zwischen den Silben stehen für alles, was sich niemand über dich zu sagen traut, und das Leben ist auch kein Kreis, der sich mit dem Tod schließt, sondern eine gottverdammte Linie, die irgendwann einfach aufhört. Diese unendliche Langsamkeit der Zeremonie. Wird man für einen gnädigen schnellen Tod mit einer fegefeuerlangen Trauerfeier bestraft? Ich erinnere mich an Deine Unruhe, die nächtlichen Gespräche, deine Verschwörungstheorien, Die Unsichtbaren, zwei Versuche von gemeinschaftlichem Sex, die unserer Freundschaft nicht geschadet haben, und weiter Gespräche und Getränke im nächtlichen Schneegestöber. Die Stimme versetzt die Luft weiter in Zeitlupenschallwellen. Ich habe Angst, dass die Hagere ihre Rede nicht überlebt. Dann haben wir die nächste Trauerfeier und ich komme hier nie mehr weg.

Fortsetzung folgt.

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