Richard Fach 3. Teil

20. Mai  Späteinsteiger. Sein Wagen biegt vor mir rechts ab, schneidet mich, er schimpft:
Arschloch. Mein erster Impuls ist, den Sack durch sein Seitenfenster zu reißen, um seine dumme Fresse einzuschlagen. Zu spät. Gewaltbereitschaft muss früh trainiert werden, am besten schon im Sandkasten. Was bleibt, ist, gefährlicher auszusehen als ich bin, um dem Fluchttier in mir den Rücken freizuhalten. Ich könnte auch einen Hamster foltern.

21. Mai  Die Kulissen werfen lange Schatten. Verkleidet und mit dunkler Brille unterwegs, kann ich nur offene und geschlossene Türen unterscheiden. Wenn Unsichtbare verstecken spielen, haben Scharfschützen keine Ziele. Wenn Unsichtbare verschwinden, gibt es keinen Anlass zur Trauer. Wenn Unsichtbare sich erkennen, ist das System außer Funktion.

Friedel Kantaut - Richard Fach 3

Grafik: Friedel Kantaut

23. Mai  Hab ich Dir schon gesagt, dass ich zur Klaustrophobie neige, fragt die Schauspielschülerin. – Nein, aber ich bin auch kein steckengebliebener Fahrstuhl. Ich bin dein buckliger Museumsführer, wenn du die Anatomie von Göttern und Titanen bewertest. Ich lege tröstend meine Hand auf dein Knie, wenn du, in einem Magazin blätternd, bedauerst kein Promikind zu sein und mit fünfundzwanzig deine Midlifecrisis pflegst.

24. Mai  Angstvoll eine Makkaroni umklammernd treibe ich auf einer Welle von aufgeschäumter Milch und erwache. Während ich meinen Traum verarbeite, versucht die elektrische Schiebetür des Supermarkts mich zu zerquetschen. Sie ist noch nicht schnell genug, aber sie weiß, dass ich bald langsamer werde. Ich gehe auf die Ampel zu. Sie zeigt mir Grün und wartet. Als ich die Straße betrete, springt sie triumphierend auf Rot. Motoren heulen auf. Ein einäugiger Samurai auf dem Asphalt.

25. Mai  Am Ende der Nacht durch baumgerandetes Grasland auf dem Mittelstreifen zu unserer Abschiedshaltestelle. Nach dem Gemecker in der Kolonie umgibt uns die Ruhe der straßenumspülten Savanne. Ein leichter Wind verweht den Geruch von Tabak und Alkohol. Über uns zeichnet ein Schwarm Nebelkrähen einen Kreis in den Morgen.

Trockenzeit. Die Tram zieht vorbei. Das Kreischen von Stahl über Stahl schwillt an, ein verwischter gelber Strich, dann zwei rote Lichter, die langsam kleiner werden. Nun ist mein Lieblingstier zahm. Glück braucht keine Metaebene. Ein blutroter Schädel erhebt sich über einer Linie aus Dachziegeln und Schornsteinen. Darf ich mir etwas wünschen, wenn eine Sternschnuppe vor mir im Dreck verglüht. Vielleicht, dass Du bleibst. Die Entscheidung, entscheidende Momente ungenutzt verstreichen zu lassen, um sie noch einmal vor sich zu haben. Alles was passiert ist Vergangenheit.

Fortsetzung folgt.

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.