Richard Fach 18. Teil

27. November  Touristenmassen schieben sich wie Gnuherden zu den Futterstellen und durchqueren die Stadt. Unbeeindruckt von den eigenen Opfern durch extremistische Krokodile und Straßenraubtiere wälzen sie sich durch die von brennenden Ruinen umrandete Savanne. Sie verlieren Verirrte und fressen die Welt leer. Dann erfinden die Gnus Religion und Kultur, um ihrem Sterben und dem Krokodil einen Sinn zu geben. Krokodile sind nicht das Ende der Fresskette, bestenfalls die Mitte. Der Allesfresser vereint Jäger und Beute in einer Art. Später werden die Erdmännchen ihre Chronik der Ereignisse schreiben.

28. November  Obwohl ich schon lange Zeit weiß, dass ES da ist, verdränge ich und nehme ES kaum wahr. Heute bin ich in Es hineingelaufen. Es war eine Zone aus Kälte, Widerstand und Feuchtigkeit. Vorher war ES nur eine unlogische Brechung des Lichts, eine Augenwinkelhalluzination. Jetzt habe ich ES berührt. Eine Aura ohne Mensch. Woher kommt ES und warum.? Weil ich Angst habe, paranoid zu werden, gelten Augenwinkelhalluzinationen und Lichtbrechungen nicht mehr. Lass mich endlich in Ruhe.

Friedel Kantaut - Richard Fach 18. Teil

Foto: Friedel Kantaut

29. November  Richard ist paranoid. Der erste Gedanke und die Morgendämmerung. Greta sitzt auf dem Rand des Betts. Ihre Augen unter mit Tusche verklebten Wimpern sehen an sich herab. Abschminken hat nicht mehr geklappt. Sie streift ihren Mantel über, der linke Strumpf rutscht auf ihren Knöchel. Hunger. Schräg scheint das Sonnenlicht, scheint durch die vereiste Scheibe der Balkontür in die Küche. Im Kühlschrank liegt das halbe Hähnchen aus der Zeit vor dem Einschlafen. Wenn mich keiner in den Arm nimmt, will ich wenigstens etwas in den Mund nehmen.

Der gebratene Hahn ist die einzige Beute von gestern Nacht. Gut so. Mit dem muss sie sich wenigstens nicht unterhalten. Sie sichert während der Nahrungsaufnahme in der Frühmorgenküche in alle Richtungen. Das Ereignis von vor gut vierzehn Tagen hat mehr Verwundungen bei ihr hinterlassen als nur eine verletzte linke Hand. Das Gefühl, nicht mehr in ihrem Körper zuhause zu sein, und die sich häufenden Anfälle von Schüttelfrost machen ihr angst. Vor ihr liegt das fettige Tier. Sie gräbt ihre dunkelroten Fingernägel durch die geröstete Haut in das weiße Brustfleisch des Vogels, filetiert mit einer knappen Bewegung ihrer kräftigen Finger eine Fleischscheibe, löst sie vom Gerippe, stopft sie in ihren gierigen, mit Lippenstift verschmierten Mund. Salziger Fleischgeschmack mischt sich mit der Seifigkeit von Kosmetik. Fett tropft .

Fortsetzung folgt.

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