Richard Fach 16. Teil

Greta 1

Siehe, ich werfe sie aufs Krankenlager und diejenigen, die mit ihr Ehebruch treiben, in große Trübsal, wenn sie nicht umkehren von ihren Werken. Und ihre Kinder werde ich durch die Pest töten. Offenbarung des Johannes 2, 22-23

Als es klingelt, will Fach nicht öffnen. Es ist spät, der Wein fast leer. Er hat den Tag ohne wesentliche Zusammenbrüche hinter sich gebracht. Im TV ölt sich ein Journalist ein, um für seinen Gast, einem Menschheitsretter, nicht greifbar zu sein. Es klingelt wieder, mehrere Male. Programmwechsel. TV aus, Gegensprechanlage: Wer ist da? – Ich bin’s. Alle erwarten ein Stimmarchiv in seinem Kopf, mit dem er jedes Ich bin’s einer Person zuordnen kann: Wer ist ich? – Greta, mach auf. Seit er sie das letzte Mal gesehen hat, ist Greta ein tägliches Hintergrundrauschen in seinem Kopf.

Die Wohnung aufräumen, nüchtern werden. Keine Zeit. Fach ergibt sich und drückt den Türöffner. Was er sieht, als sie im kalten Flurlicht vor ihm steht, ist unerwartet. Er erkennt Greta, aber kennt sie nicht. Vor ihm steht ein zitterndes, bleiches Stück Mensch. Ihre Augen irrlichtern. Der sonst so perfekte Haarhelm ist strähnig verklebt, dunkle Spritzer am Hals und im Gesicht. Ihr schwarzer Mantel ist bis oben zugeknöpft. Nackte Waden, keine Schuhe. Ihre Arme baumeln kraftlos an den hängenden Schultern. Von der linken Hand tropft Blut. Als er ihr den Mantel abnehmen will, wehrt sie ab: Lass, mehr hab ich nicht an.

Sie sitzen am Küchentisch. Gretas nacktes Knie zuckt im Sekundentakt. Sie vergräbt ihr Gesicht in den großen Händen. Der linke Handballen fehlt zum Teil. Zerfetzte Wundränder. Das Blut ist inzwischen geronnen. Das Fleisch glänzt feucht. Fach verbindet die Wunde, teilt mit Greta den Wein und sein letztes Valium. Dann beginnt sie zu erzählen, erst stockend, dann immer aufgeregter, als ob sie Angst hat, dass ihre Zeit nicht reicht: Wie Du weißt, regele ich meine sexuelle Ausgeglichenheit über wechselnde Affären. Seit sechs Monaten heißt er Sid. Seine andalusische Frau wusste nichts davon. Wenn sie etwas geahnt hätte, wäre das für mich ein zusätzlicher Reiz. Ihre Ansprüche an Sid gaben mir Freiraum. Ich bin seine Muse der Lüge. Sie ist der Alltag, ich bin das Wochenende. Dann hatte sie einen schweren progressiven Schlaganfall. Ihr wurde die Schädeldecke abgenommen, um Platz für ihr Hirn zu schaffen, das stark angeschwollen war. Sie kann sich nicht bewegen, nicht sprechen, nicht schlucken. Wir hatten keine Ahnung, ob sie überlebt, und falls ja, was von ihr übrig bleibt. Sie könnte sterben und mir meine Affäre nehmen. Sie hielt durch und wird von Sid gefüttert, gewaschen und gewendet. Sie dämmerte im Nebenzimmer vor sich hin, wenn wir uns trafen. Was mir fehlte, war die erregende Heimlichkeit. Es ist absurd, mit einer Hirntoten verstecken zu spielen.

Friedel Kantaut - Richard Fach 16. Teil

Zeichnung: Friedel Kantaut

Greta 2

Wir waren in unserem Zimmer. Sid vermittelte mir die Bedrohung, diese Heimlichkeit, die ich brauchte, diese Droge Abenteuer, die mich ihm wieder näherbrachte. Dann war er über mir und drang sofort ein. Hinter einem Vorhang aus Lust nahm ich wahr, wie sich die Tür hinter seinem Rücken öffnete. Der Vorhang zerriss, ich kam zurück, um mich im nächsten Augenblick im Entsetzen zu verlieren. Im Türrahmen sie, auf dem Kopf diesen Turban aus Binden und Pflaster, der ihren Schädel zusammenhielt. Sie bewegte sich auf uns zu, geführt von einem spastischen Marionettenspieler. Sid, der meinen Gesichtsausdruck falsch deutete, wollte den Höhepunkt. Weiße Flammen brannten in ihren Augen. Aus ihrem Gestammel, Gegrunze und Gerotze, meinte ich die Silben meines Namens herauszuhören. Als Sid endlich reagierte, war es zu spät. Ihre Zähne schlugen in seine rechte Schulter, rissen einen Fetzen Fleisch heraus. Meine Hand wurde dabei verletzt. Ich versuchte, mich unter ihm herauszuwinden. Ihr Kiefer fand seine Halsschlagader. Helles Rot spritzte. Irgendwie bin ich dann da weg, und jetzt bin ich hier.

Greta verstummt. Ihr Blick ist starr. Ihre Augäpfel, auf denen die winzigen Pupillen treiben, scheinen überzulaufen. Fach führt sie in sein Gästezimmer. Als er den Raum reflexartig von außen verriegelt und kurze Zeit später ihre Fäuste an die Tür hämmern hört, weiß er, dass es weitergehen wird.

Fortsetzung folgt.

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