Richard Fach 14. Teil

1. November  Wieder dieser graue Himmelslappen, der zum Horizont hin schwarz anläuft. Ich regle mehr Farbe in mein Lagerfeuer, für das ich keine GEZ Gebühren zahle. Farbe ist Menschenrecht. Tägliche Nachrichten verbrennen zusammen mit der Werbung im blauen Feuer, dazwischen explodieren Selbstmordattentäter. Die Leichen verdampfen im Kabelkanal. Ich wärme mich an der Glut von vor Liebe brennenden Laiendarstellern, gecasteten Peinlichkeiten und falsch besetzten Welterklärern. In der Wärme der Zeilenglut halte ich immer Schürhaken und Wassereimer bereit, damit das Feuer nicht auf meine Sehnsucht übergreift.

2. November  Ich beneide die Toten, denn sie müssen unser Gedenken nicht ertragen. Victor, der seine Sucht überlebt hat, um an einer Unterdosis im Regionalzug zu verenden. Elmer, der Säurekopf, dessen einzige Zuflucht der Rausch war. Julia wollte Designerin werden, wurde es und sprang vom Hochhaus. Eine soziale Skulptur. Mein Bruder verbreitete seine Gene und verbrauchte seine Leber. Tom ging in die Welt, um dort zu verbluten. Euch allen bleiben die immer gleichen Rituale des Gedenkens und Vergessens erspart.

Friedel Kantaut - Richard Fach 14. Teil

Grafik: Friedel Kantaut

3. November  Später Nachmittag in der Höhle. Das ältere Fluchttier betrachtet entspannt Lebensmittelwerbespots. Das Geräusch eines Schlüssels in der Eingangstür stört. Der jugendliche Verwandte trägt Plastiktüten in den Bau und verstaut ihren Inhalt im Kühlschrank. Nahrung, knurrt das essgestörte alte Tier verächtlich. Der Junge häuft unbeeindruckt Kalorien auf einen Teller und verschwindet damit im der Nebenhöhle. Jetzt frisst Ernesto wieder, denkt das ältere, und wird fett wie eine Made. Dann passt er nicht mehr durch die Wohnungstür. Ich muss das Dach abbauen lassen und brauche einen Baukran, um ihn hier wieder rauszubekommen. Ich kann mir das nicht leisten. Habt ihr mal einen Euro?

5. November  Nachtrag zu einem Toten. Paragraf 140 Absatz 1/2. Tom hat 500 Gramm Haschisch bei Bentheim über die Grenze getragen. Nach eigenen Angaben als Eigenbedarf, und um davon etwas auf Parties an Kumpel abzugeben. Den Rest wollte er bunkern. Er ist erwischt worden. Bin ich sein Auftraggeber, weil ich sein Kumpel bin? Das Betäubungsmittelgesetz ist die Grenzanlage. Vielleicht sind wir alle Mittäter, weil wir ihn ermutigten, rüberzumachen. Neununddreißig Gramm reines THC gestreckt auf fünfhundert Gramm, süchtige Freunde, und eine Mutter, die nicht enttäuscht werden darf. Parameter seines Freitods.

Fortsetzung folgt.

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