Richard Fach 11. Teil

1. September  Es regnet, und Peking steht auf dem Kopf. Wo die Warne in die Ostsee mündet verschwindet ein Dampfer hinter dem Horizont. Gretas dunkle Silhouette und eine Dose Fixierspray rahmen das Bild. Weiter südlich peitscht ein Wintersturm Palmen und das Mittelmeer bei Sidges. Im linken Abendhimmel liegt ein durchsichtiger Klebebandspender. Am Fuß von Bücherklippen paaren sich Informationen, Pinups, Mahnbescheide, Bedienungsanleitungen und Nebenwirkungen. Die digitalen Medien halten sich scheu abseits. Ein Waffenkatalog jagt seine Beute, während das Zentralgestirn meiner Welt, der Kleinbildfernseher, von einem goldenen Buddha umkreist, mir flackerndes Licht spendet.

8. September  Er wacht auf, putzt seine Federn, wetzt seinen Schnabel und fliegt. In diesen späten Monaten steht die Sonne tiefer über dem Horizont, ihr Licht ist gelber und die Luft samtiger. Der leichte Rausch ist wie ein Aufwind. Im Wartezimmer eines Arztes für Notlandungen durchblättert er Fliegermagazine und wartet auf seinen Befund. Sie werden wieder gehen können, aber achten Sie auf die Schwerkraft.

Friedel Kantaut - Richard Fach 11

Grafik: Friedel Kantaut

18. September  Heute nacht habe ich ES das erste Mal bemerkt. Ich bin meinem Harndrang gefolgt, im Dunkeln um die Linksrechtsabbiegung ins Klo getappt, und da war ES. Eine kaum wahrnehmbare Silhouette, ein räumlich begrenztes Flirren der Luft, das da nicht hingehört. Ich schließe meine Augen. Öffne sie wieder. ES ist noch da, und ES gehört immer noch nicht da hin. Ich schlage die Tür zu und pisse auf den Balkon. Später ist ES in meiner Küche, und ich verzichte auf die Nahrungsaufnahme. Dann renne ich mit ES im Treppenhaus um die Wette. Als Erster an der Tür angekommen, verriegele ich meine Wohnung und sperre ES aus. Als ich nach einem Nachmittagsschlaf erwache, sitzt Es an meinem Bett und greift nach einem Kissen. Dann ist ES nicht mehr da. Parzival meint, ich soll ES ignorieren: Vielleicht ist es eine kreative Chance. Dann geht Parzival, und ES steht im Flur. Obwohl nur eine Brechung des Lichts, eine Unordnung der Luftmoleküle, weiß ich, wo ES steht. Meistens kann ich ihm ausweichen, wie einem Hindernis, das in einem Computerspiel überraschend auftaucht. Manchmal, wenn ich mich im Spiegel nur verschwommen sehe, steht ES dazwischen, verschleiert mein Spiegelbild wie eine Milchglasscheibe. Eine Silhouette ohne Inhalt, die Platz einnimmt. ES ist angekommen. ES ist eine Möglichkeit. ES hat keinen Namen.

30. September  Er heißt eigentlich Jörg. Er ist auch nicht erstochen worden, sondern hat sich in seinem Appartement in Rotterdam seinen Unterarm innen von der Hand bis zum Ellenbogen mit einem Küchenmesser aufgerissen und ist dann auf die Straße gelaufen, um ungestört zu verbluten und sein Appartement nicht zu verschmutzen. In Berlin wird ein Heldentod gefeiert. Alle saufen, was Tom gesoffen hat, Ist sein Tod, eine Jägermeisterwerbung. So wurde Tom im Tod zur Legende. Mir machen Legenden vom Sterben angst. Das ist falsch verstandener Rock’n Roll.

Fortsetzung folgt.

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Innenleben abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.