Versuch über den Poetry-Slammer

Wikipedia:  Ein Poetry Slam (sinngemäß: Dichterwettstreit oder Dichterschlacht) ist ein literarischer Vortragswettbewerb, bei dem selbstgeschriebene Texte innerhalb einer bestimmten Zeit einem Publikum vorgetragen werden. Die Zuhörer küren anschließend den Sieger. Ausschlaggebend ist dabei, dass der Textvortrag durch performative Elemente und die bewusste Selbstinszenierung des Vortragenden ergänzt wird. Die Veranstaltungsform entstand 1986 in Chicago und verbreitete sich in den 1990er Jahren weltweit. Die Vortragenden werden Poetry-Slammer, Slampoet, oder einfach Slammer genannt. 

Karl Kinaski - Poetry-Slammer

Zeichnung: Rolf Hannes

Da es ja den Versuch über die Jukebox, den Versuch über den geglückten Tag, den Versuch über den Finger im Arsch von einem gewissen, älteren Herrn schon gibt, der, trotz seines biblischen Alters, nicht aufhört, sich an immer weiteren Versuchen zu versuchen, bin ich ihm zuvorgekommen mit einem Versuch, an dem er sich noch nicht versucht hat. Dem Versuch über den Poetry-Slammer. Da ich mich mit bei diesen Poetry-Slams grassierenden literarischen Erscheinungen, wie aufgesetzter-pubertärer Originalität, welpenhaftem Weltschmerz, grünschnäbliger Springinsfeld-Prosa und schrillpeinlichem Teenie-Pathos nicht mehr auskenne, beschränke ich mich heute auf den Typus des lustigen Slammers. Genaugenommen vernimmt man jetzt also einen Versuch über den lustigen Slammer. Wie war also das damals, vor einigen Jahrzehnten, an den Gymnasien, denn nur ein Trottel der zumindest das Gymnasium besucht hat, wird sich nicht entblöden, später an einem Poetryslam mitwirken zu wollen, wie war das damals in der Prä-Internet-Zeit, die uns heute wie das Land Mordor erscheint? Es gab damals an den Gymnasien den Pausenclown und den Klassenkasper als Vorformen des späteren lustigen Slammers. Auf diese beiden embryonalen Vorformen des lustigen Slammers will ich eingehen. Der Klassenkasper witzelte ausschließlich im Unterricht, das Amt der Lehrerverarsche und Autoritäts-Demontage war ihm wichtiger als jeder Lehrstoff, während er in der Pause keine Zeit für nichts hatte, weil er hektisch Hausaufgaben abschrieb oder raufte. Der Pausenclown war im Unterricht mucksmäuschenstill, schrieb fleißig mit, inhalierte den Lehrstoff, glaubte alles und hinterfragte nichts, mit einem Wort: er war ein Streber. Sobald es klingelte blühte dieser Duckmäuser auf. Er bombardierte seine Mitschüler mit Witzen. Auch über Lehrer – denn die hörten ja nicht zu, weil sie sich im Konferenzzimmer ihre Krebsspargel hineinzogen. (Ich rede von den 80iger Jahren.) Wenn also der Pausenclown, schon allein durch seine völlige Unterwerfung unter das Joch einer unkoscheren Zeitrechnung (in der eine Stunde 50 Minuten hat mit 5 Minuten Pause) und die Autorität eines zweifelhaften Lehrkörpers, das Heucheln von früh auf lernte, und seine Befriedungserlebnisse daraus zog, brav, gelehrig und dennoch lustig zu sein, welche Arten von Humor wird er später bevorzugen, oder besser, zu welchen Arten von Humor wird er überhaupt fähig sein? Zu einem feel-good Humor natürlich, einem Humor, der nirgendwo aneckt, der niemandem wirklich wehtut, kurz, einem Humor light. Ihn zu vermitteln muss er nur dem Publikum nach dem Maul witzeln, was er ja in der Schule gelernt hat, als er den Lehrern nach dem Mund redete, aber er muss es nicht im eigentlichen Feld der Gehirne, in der Untersichtstunde tun, sondern wie er es gewohnt ist, im Fünfminuten-Format, damals der kleinen Pause, diesmal eines Poetry Slams. Das gefällt ihm, das kennt er, hier läuft die meist blasse, bebrillte Gestalt des Pausenclowns (dessen zaubernde Entsprechung Harry Potter ist) zur Höchstform auf, hier verstreut er das Kleingeld seines opportunistischen Humors, hier erntet er den stürmischen Applaus unreflektierlicher Zeitgenossen und am allerliebsten wäre ihm, wenn der Bundeskanzler höchstpersönlich mitlachen würde…a la: schau, wie ich dir eins auswische, Bundeskanzler, aber imgrunde sind wir beide Narren auf der Bühne und alles bleibt beim alten…hahaha. Ganz anders die Entwicklung des Klassenkaspers. Ihm ist die Apparatschik-Komik des Pausenclowns schon immer verdächtig gewesen. Die Feelgood-Soße seiner Witzeleien ekelte ihn an, und später wird er sich sagen, dass diese Art der Clownerie der Komplize des Massenmords ist, weil er die Hirne der geknechteten Menschen von den Mörderlingen an der Spitze ablenkt. Ist nun der Pausenclown ein Apparatschik, ein Opportunist, ein Heuchler und als Attention-Seeker-Schlampe der öffentlichste Mensch, so ist der Klassenkasper der einsamste Mensch. Als jemand, der die Autorität infrage stellt, hat er sein Hirn nicht am Eingang einer Bildungsanstalt abgegeben, und eckt überall an. (Da er nichts gelernt hat,) weil er im Unterricht sein Amt als Lehrerverarscher wahrnehmen musste, ist nichts Erkennbares aus ihm geworden und er wird gerade deshalb zu allen Arten von authentischem Humor neigen: zum Zynismus, zum Sarkasmus, zum Schwarzen Humor, zur Häme, ja, auch zur Häme – und wenn er gut ist, wird er es zu einer skurril-philosophischen Komik bringen, die dem Pausenclown mit seinen platten Ballermann-Pointen wie Chinesisch erscheinen muss. Liebt der Pausenclown das Fünfminuten-Format, fühlt sich der Klassenkasper immer unbehaglich mit dem Fünfminuten-Format, denn in der Fünfminuten-Pause musste er ja die Hausaufgaben abschreiben oder raufen, und sie war ihm immer zu kurz. Der Pausenclown würde jede neue Nazizeit überleben, man würde ihm sogar Medaillen umhängen und Orden anheften, der Klassenkasper aber würde schnurstracks ins KZ wandern.

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