Peter Kurzeck lebt.

Kaum war er für den Büchnerpreis vorgesehn, starb Peter Kurzeck im Dezember 2013. Keiner stirbt, so heißt eine seiner frühen Erzählungen. Im Erzählen beweist er, nichts und niemand stirbt je. Das war eine Lieblingsvorstellung von ihm, daß alles bleibt, aufbewahrt bleibt, gerade weil so vieles zerstört wird und vieles vergeht.

Peter Kurzeck

Bei einer Lesung 2005

Im Mai 2011 schrieb ich einen kleinen Hymnus auf Peter Kurzeck in der futura99. Und da ich ihn gerade wiederfinde, möchte ich ihn genau so heute abermals veröffentlichen:

Les gerade Peter Kurzecks neuestes Buch, Vorabend, ein Wälzer von über 1000 Seiten. Alle seine früheren Bücher findest du darin wieder, ganze Strecken wortwörtlich. Da aber schon im dritten seiner Bücher die vorausgegangenen 1 und 2, im vierten 1, 2 und 3, und im fünften 1, 2, 3 und 4 drinstecken, und sowieso in manchen seiner Bücher auf der Seite 97 genau das vorkommt, was schon auf Seite 27 stand, hat man weiter kein Problem. Ich hab mein hellstes Leseentzücken. Und es stimmt ja auch nicht, denn wenn die Wolken, die Felder, die Menschen, die Wege, die Hunde, die Vögel, die Hecken, die Bäume immer wieder auftauchen, sind sie verwandelt, sind sie neu, wie eine Geschichte, die im Wiedererzählen immer wieder neu wird. Dieser Vorabend ist die Überpuppe, wo der Reihe nach alle andern drinstecken, wie in der russischen Matuschka.

Peter Kurzeck erzählt imgrunde keine Geschichten, er erzählt Wörter. Er ist ein Wortmagier. Er zaubert mit Wörtern. Und seine Geschichten, die daraus entstehn, sie entstehn nicht eigentlich, sie waren schon immer da, wie das Leben selbst.

Hinreißend, dieser Vorabend, der Antiroman schlechthin, obwohl der Verlag auf den Einband das Wort Roman hingemogelt hat, damit das Unding gekauft wird, nehme ich an.

Für Peter Kurzeck muß seine Tochter Carina, als sie drei war, das Lebenselexier schlechthin gewesen sein. Peta, sagt sie, Peta erzähl. Und Peta erzählt, vom Wind, wie er kommt, wie er geht, wie er um die Ecke schleicht, oder sich auf den Bürgersteig setzt, von den Wolken, die dick und fett Gesichter schneiden oder überhaupt nicht dasind, wie es Oktober ist, oder Nachfrühling, oder schon Sommer, oder gab es den gar nicht, jedenfalls weiß man nur von Regen, wochenlang, aber dann doch nicht immer.

In seiner Freundin Sybille, der gemeinsamen Tochter Carina, seinem Freund Jürgen, dessen Freundin Pascale, hat Peter Kurzeck besonders aufmerksame Zuhörer, selbst wenn sie nicht immer bei der Sache sind. Das ist aber weiter nicht schlimm, weil er sich seine Geschichten selbst erzählt wie jeder große Dichter. Und da er sie aufschreibt, immer eine nach der andern, und er niemanden findet, sie so schnell zu drucken wie er sie sich denkt und erzählt, ergibt sich ein simultanes Geflecht, das sich in seinen (nach und nach nun doch gedruckten) Büchern sucht und wiederfindet, auseinanderdriftet und wiederfindet. Jedesmal verjüngt und zuversichtlich verrückt.

Zuversichtlich und verrückt dem Leben hingegeben. Er liebt es einfach über alle Hindernisse hinweg. Drum muß er uns öfters einen Spiegel hinhalten. Das, was manchmal daraus hervorschaut, ist eine bitterböse Abrechnung mit der Raffgier und Dummheit landauf landab.

Liebe Leserin, lieber Leser, wenn Du Kurzeck noch nicht kennst und seinen Vorabend, dann versuch es fürs erste mit einem der Vorgänger, den Vorvorabenden sozusagen:

Der Nußbaum vorm Laden, in dem du dein Brot kaufst
Das schwarze Buch
Kein Frühling
Keiner stirbt
Übers Eis
Als Gast
Ein Kirschkern im März
Oktober und wer wir selbst sind

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