Morgenlandreise 76

Rückfahrt nach Bombay

Meine Rückfahrt nach Bombay verläuft gemächlich. Bin nun schon viel gewitzter im Umgang. Wenn ich nicht spreche, falle ich kaum mehr als Europäer auf. Daher hält sich das Fremdeln, das sich bei ländlichen Indern allem Ausländischen gegenüber oft einstellt, in Grenzen.

Meistens lieg ich bei nächtlichen Zugfahrten wohlversorgt auf einer Gepäckablage über den Köpfen der sich drängelnden Reisenden. Auch besorge ich mir Fahrkarten nur mehr für kleinere Strecken. Nachts schlaf ich in einer Gepäckablage, am Tag jückle ich von Provinznest zu Provinznest. So spar ich mir Hotels und Herbergen mit der notwendig umständlichen Sucherei, und gebe mein Geld lieber in alle Richtungen aus, die mir gefallen.

                           

Kutsche 11,5, x 11 cm                Paar auf Boot 7,5 x 11               Shiva 12,5 cm

Hab eine faszinierende Spielart indischer Volkskunst entdeckt. Hier im nördlichen Indien blüht sie förmlich, in den Provinzen Uttar Pradesh, Madhya Pradesh, die ich nun etwas eingehender bereise. Aber ich bin mir klar, es bräuchte mehr als ein Leben, um sagen zu können, ich hab Indien gesehn. Indien ist ein solch riesiges Land, daß, derweil man sich umsieht, die Einsicht kommt: Je mehr du siehst, umso weniger kannst du es begreifen. Gibt es deshalb in Indien weise Männer und Frauen, die, wenn sie erstmal einen Flecken gefunden haben, der ihnen behagt, sich nicht mehr vom Fleck rühren? Sie sagen: Nicht ich bemühe mich um die Welt, sondern die Welt strömt an mir vorbei in jedem Augenblick und am intensivsten bei geschlossenen Augen.

Die Familien, die diese kleinen Kunstwerke herstellen, bilden ganze Dynastien, über mehrere Generationen hinweg. Jede hat ihre unverwechselbare Eigenart. Einige fabrizieren nur Vögel, andere nur größere Tiere. Wieder andere Pilger und Musikanten. Es gibt keine eigentlichen Werkstätten, die Familien arbeiten, Erwachsene wie Kinder, in ihren Wohnräumen.

                           

Wiedehopf und Pfau                beide Höhe 4,5 cm                    Zebra Höhe 5 cm

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Es lebe der Aphorismus!


Radierung Der Augenblick 1: Rolf Hannes

Es lebe der Aphorismuas!

Wer für alles offen ist,
kann nicht ganz dicht sein!

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Mondlichtmauer

Er lehnte an der Mondlichtmauer und rauchte, als könne der Qualm für Dunkelheit sorgen. Es war nie wirklich dunkel. Im Leben ja, in der Nacht nicht. Wenn es nicht der Halb- oder angeberische Vollmond war, waren es unnütze Straßenbeleuchtungen, Blaulichter, die in die Nacht hineinlärmten oder wenigstens Glühwürmchen. Er hasste das. Hier lehnend. Nicht an irgendeiner Mondlichtmauer. Die Mauer, an der er lehnte, sie gab es nicht. Nicht mehr. Er hatte sie hinter sich gelassen, körperlich. Vor 89. Als damals alle obenauf tanzten, die zuvor unten gewesen waren, lag er im Krankenhaus. Auch da war es nie dunkel gewesen. Radiomusik im Nachtdienst drang in seinen medizinisch künstlichen Schlaf und sorgte für aggressives Licht.

Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Was für ein Hohn. In seinem Fall. Hätte er gewartet, seinen Mut verschenkt und nicht die Flucht ergriffen, er wäre jetzt gesund. Würde sich zur 25Jahrfeier an seine Tänze auf der Mauer erinnern. Aber so war es nicht.


Zeichnung: Rolf Hannes

Das Flutlicht, das Gebell aus Kampfhundemäulern und aus den Gewehren der Vopos hatten ihn mehrfach getroffen. In einem westdeutschen Krankenhaus flickten sie ihn zusammen, stellten die Organfunktionen wieder her und entließen ihn in die Feierlichkeiten, die so farbenfroh waren, wie die DDR grau. Die Depression, die die Grenzbeamten ihm in den Kopf geschossen hatten, war mit Medikamenten unerträglich schrillbunt, ohne unerträglich weißleise.

Und so stand er jede Nacht an der Stelle, wo es vor 27 Jahren passiert war, nebelte sich ein, inhalierte tief, inhalierte tiefer. Als könne er mit dem Rauchrausblasen eine Freiheit in seinem Kopf schaffen, nach der er sich sehnte wie Ostalgiker nach der guten alten DDR. Diktatur. Wenn er wenigstens riechen könnte. Aber auch diesen Sinn hatten sie ihm weggeschossen. Niemals hätte er gedacht, dass er sich nach Braunkohleduft sehnen würde. Nicht einmal der Rauch der starken Filterlosen belebte seine Sinne. Niemals hätte er gedacht, dass er in Freiheit nur noch atmen würde, bis es vorbei war.

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Morgenlandreise 75

Khajuraho

Khajuraho: ein großes Lied des Eros, ein Gesang auf die Schönheit der Liebe, die irdische wie die göttliche, imgrunde das Hohe Lied auf die göttliche Weisheit. Wie riesige Früchte wachsen die Tempel aus der Erde. In tausendfältiger Wiederholung wird die Anmut des weiblichen Körpers besungen. Die Anmut des männlichen Körpers nicht minder, in Stein. Aber dieser Stein ist nicht steinern, er ist musikalisch und singt das Lied aller Göttinnen und Götter auf weltliche und himmlische Weise. Göttlich die Pos der Frauen, Beine und Pos schmelzen ineinander, die Einheit eines Blütenstengels. Nie erschöpft sich die Wiederholung in Abklatsch, jede einzelne Skulptur des gleichen Themas, des gleichen Symbols, ist eine originäre Schöpfung. Die Kühnheit, die Freizügigkeit der Darstellung hält Schritt mit der künstlerischen Vollendung. Khajuraho ist ein Juwel erotischer Kunst. Das sehen zu dürfen, erfüllte sich mir ein großer Traum.

Hab inzwischen aus Bombay, wo im Tresor der Salvation Army meine Traveller-Schecks verwahrt werden, genügend Geld überwiesen bekommen für die Rückreise. Mein Gastgeber, bei dem ich nun schon den 5. Tag übernachte, und das in einem wirklichen Bett, hat mir wie selbstverständlich dabei geholfen. Was den Inder betrifft, der mich beklaut hat, so denk ich mir, für ihn war es ein willkommenes Geschenk Shivas.

An der Peripherie des Tempelareals gibt es ein Festival zu Ehren Shivas: in einem großen Zelt ein Reigen von Szenen aus Shivas Leben. Die Tanzeinlagen und Gesänge werden alle Minuten durch Reklame unterbrochen. Die Schauspieler und Tänzer verharren dann starr in ihren Posen. Über ihnen auf Transparenten erscheinen Schriftzeilen, etwa: PAN AM Airlines are the best oder Coke: the real thing. Damit es niemandem entgeht, gibt es parallel dazu die Lautsprecherdurchsage.

Tänzer und Schauspieler geben eine märchenhaft schöne Darbietung in ihren großartigen Kostümen, am Rand sitzende Musiker mit allen erdenklichen klassischen indischen Instrumenten begleiten das Spiel, einige Chorsänger/innen unterstützen die Gesänge, und dieses herrliche Schauspiel mündet alle Minuten abrupt in eine teuflisch schändliche Reklame, derweil die Akteure auf der Bühne in ihren eingefrorenen Gesten verharren und wie heilige Kühe in die Gegend schauen.

Was die Engländer nicht geschafft haben, die vollständige Unterwerfung dieses Subkontinents, das versuchen nun die Amis.

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Es lebe der Aphorismus!

Der 62. von 352


Collage und Zeichnung.: Marianne Mairhofer

Schüler, die von den Lehrern erwarten, dass sie alle das Gleiche sagen, denen empfehle ich, einer Sekte beizutreten. Dort ist das so. Eine Schule ist aber ein weltliches Projekt und befürwortet den Diskurs, nicht das Dogma.

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Begegnungen

Niemand weiß, wo ich bin. Vielleicht werde ich auf ewig verschollen sein, von heute auf morgen einfach weg, verschwunden in den Weiten der Fremde, die nie fremd für mich war. Keiner hat eine Ahnung, wer ich bin. Nicht minder wenig weiß ich über sie, die mich umströmen, berühren im Vorübereilen, anblicken, wegschauen. Was uns trennt, ist weniger als das, was uns verbindet und so komme ich an, spüre, dass ich weit genug gegangen bin.

Komm herein, sagst du und öffnest mir selbstverständlich Tür und Heim, lässt mich nicht in dem Regen stehen der so plötzlich gekommen ist um alles zu ertränken. Ich entledige mich meiner Schuhe, beuge mich vor dir und der niederen Schwelle deines Hauses, trete barfuß in dein Leben. Meine Vergangenheit und deine Gegenwart sind Schwestern und was meine Erinnerungen suchen, kann ich hier finden. Der festgestampfte Boden birgt das Feuer, kreisrund, in der Mitte seiner Kargheit glüht der Raum. Alles hat seinen Platz, alles findet Beachtung in der Alltäglichkeit deines Seins, ist vertraut, Tag für Tag, ein Leben lang.

Fühl dich wohl, sagst du, und wieder verstehe ich nicht was du sprichst, weiß aber, was du meinst, und die Worte lösen sich auf in dem Lächeln, das wir uns gegenseitig schenken. Überall auf der Erde gibt es sie. Menschen, die meine Seele wiedererkennt, Landschaften, die an meine Wurzeln rühren. Männer, Frauen, Kinder, die mich Demut gelehrt haben, damit ich die Wunder sehe, die mir helfen, aus dem Hineingeborenen hinauszutreten. Immer wieder komme ich in einem Zuhause an. Immer mehr, die ganze Welt ist Heimat.


Bild: Rolf Hannes

Und dann sitze ich mit überkreuzten Beinen, lasse meinen Blick über dein Gesicht schweifen und du gewährst mir voll Freundlichkeit diese Reise meiner Augen.

Ohne Scheu taxieren wir uns, nehmen das Außen und das Innen wahr, unmittelbar, unmissverständlich. Draußen fließt der Regen, wäscht alles rein. Hier drinnen steht die Zeit still und ich koste aus, lasse mich von deiner Sanftmut und Ruhe heilen. Du hast zu spielen begonnen, erzählst mir mit einer Flöte vom Gestern und Morgen und vom Schmerz des Menschseins. Ich summe mit, lasse irgendwann meine Stimme frei, singe von Glück und Leid und unsere Musik klingt in den Mythen der Vorfahren wider. Dazwischen, immer wieder, dieses Lächeln.

In der Tasche meiner Jacke begleitet mich eine Kastanie. Glatt poliert, matt glänzendes Rotbraun, wunderschön wie deine Augen. Wo ich herkomme, ist gerade Herbst. –

Ich lege meinen Talisman neben die Flöte, falte die Hände vor der Brust, verneige mich leicht und trete in die Hitze der tropischen Sonne hinaus. So schnell, wie der Regen gekommen ist, ist er wieder gegangen, doch die Erde schickt nun dampfende Schwaden ins satte Blau und wird den Himmel bald erneut trunken machen, bereit für eine neue Vereinigung.

Und ich wandre weiter, leichten Schritts, mein Herz ist wieder ein Stück größer geworden, weil ich einen Teil davon bei dir zurückgelassen habe.

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Morgenlandreise 74

Unterwegs nach Khajuraho

Habe vorgestern einen Bus bestiegen und lege auf halbem Weg nach Khajuraho eine Rast ein. Lange Stunden fuhr der Bus über schotterige Wege durch Palmenwälder und Bambushaine. Bei der Ankunft hatte ich schon Bescheid von einer kleinen Herberge, wo ich gut und billig unterkommen könne. Einer meiner Nachbarn im Bus gab mir den Tip. Zwischen seinen Füßen hatte er zwei Hühner liegen, still und ergeben, ihre Beine waren aneinander gefesselt. Als er ausstieg, steckte er drei Finger durch die Schlinge, und die (lebenden!) Hühner baumelten noch stiller und ergebener kopfheister an seiner Hand.

In einem geschützten Winkel des Innenhofs der Herberge sitzend beobachte ich einige Affen wie sie sich öfters am Rand des Dachs niederlassen. Manche schlenkern mit den Armen, als wollten sie mir zuwinken. Ich winke nie zurück, gebe mir, sobald Affen auftauchen, den Anschein, sie gar nicht zu beachten. Das ärgerte sie, sie schubsten sich in die Seiten und berieten miteinander, wer da Neues im Hof der Sri Venkatesvar Lodge sitzt, so hingefläzt und unbekümmert einer Ansprache. Ein Bild: die blasse Mondsichel am hellichten Himmel, darunter eine über das Dach hüpfende, sich balgende und palavernde Affenfamilie, darunter ich, der ich versuche, vor mich hinzuschauen, um die Eindrücke der letzten Tage einzuordnen. Der Chef des Hauses versichert mir, die Affen wagten sich nur selten herunter in den Hof. Weiß nun: die Fenster in den Zügen, Bussen, Häusern sind mit Stangen bewehrt, damit die Plagegeister nicht eindringen können.


Die Affen Indiens sind fast so unantastbar wie die Kühe

Heute früh geschah das Undenkbare. Ich beuge mich in einen Schacht hinein, einen halben Meter lang etwa, etwa 40 mal 40 Zentimeter im Geviert. Er erlaubt dir, deinen Arm auszustrecken, damit du einer Hand, von der anderen Seite dir entgegengestreckt, Geld gibst für eine Fahrkarte nach Khajuraho. Erst fragst du, dann bekommst du eine nicht auf Anhieb verständliche Antwort. Ein Teil der Worte gehen in dem Schacht verloren oder werden unverständlich. Dann nestelst du deinen Brustbeutel hervor, knöpfst sogar dein Hemd umständlich auf. Beugst dich wieder vor, ob du das Gesicht deines Gegenüber halbwegs zu fassen kriegst. Hinter mir warten einige geduldige Inder, die sich gleichfalls eine Karte kaufen wollen. Du sagst nochmals etwas, das für dein Gegenüber kaum verständlich ist. Irgendwann kommt der Tausch Fahrkarte gegen Geld zustande. Aber noch wartest du auf das Rückgeld. Und als du‘s hast, trittst du vom Kassenhäuschen weg und schaust in deinen Brustbeutel. Der ist leer. Nicht ein Scheinchen ist mehr drin.

Du begreifst es erst gar nicht. Du stehst da, in der einen Hand das Rückgeld, in der andern den leeren Brustbeutel und eine Fahrkarte nach Khajuraho. Und dann schnappe ich mir, ohne Überlegung und Verstand, den Inder, der hinter mir wartete und nun vorm Kartenschacht steht, reiße ihn voller Wut mit mir ums Eck des Häuschens, drücke ihn an die Wand und schreie: You thief. You have stolen my money. Der Inder, kalkweiß im Gesicht, so weiß wie die Wand hinter ihm, wehrt sich nicht, bleibt ganz stumm. Er versteht mich nicht, er weiß nicht, worum es geht, er schaut mich nur voller Angst und Unverständnis an. Er ist es nicht, er war es nicht, der mich beklaut hat. Der mich beklaut hat, war wahrscheinlich kurz neben mir und hat sich schleunigst davongemacht.

Als es klar wird, daß ich den Falschen beschuldigt habe, entschuldige ich mich. Es ist mir sehr arg, fast hätte ich den Mann in die Rippen geboxt. Alle auf den Bus Wartenden haben das Stück mitgekriegt, die meisten umringen uns. Und einige von ihnen haben begriffen, was vorgefallen ist, sie verstehen meine Bestürzung. Würde das wenige Geld, das ich in meiner Hand halte, reichen für irgendetwas?

Noch im Bus bin ich der Mittelpunkt einer allgemeinen Erregung. Einige der Mitreisenden schauen betroffen vor sich hin. Da legt sich eine Hand auf meine Schulter. Ein Inder in einem westlichen Anzug steht neben mir im Gang. Als ich meinen rasenden Auftritt hatte, hielt er sich abseits. Nun schaut er mich an und sagt in verständlichem Englisch: Mir ist das peinlich, mir ist das peinlich für mein Land. So was sollte man einem Fremden, der unser Land besucht, nicht antun. Wissen Sie was? Ich wohne in Khajuraho, ganz in der Nähe der Tempelanlage. Bitte, seien Sie mein Gast, solange Sie wollen. Ich bin ganz verdattert und gleichzeitig fühle ich mich gerettet. Für höchstens drei Tage, erwidere ich.

 

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Es lebe der Aphorismus!

Der 12. von 352


Bild-Collage: Marianne Mairhofer

Es gibt die Frage, wie ich mich zur Welt stelle. Soll ich sie wirklich ad acta legen? Sorry, aber das wird nix. Oder weiter versuchen, etwas zu verändern? Wenn letzteres, dann brauch ich ein geübtes Weltbild, eines das den Fakten standhält und ein stetes TROTZDEM zu rufen in der Lage ist.

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Das Fenster


Lithografie und Zeichnung Das Fenster: Rolf Hannes

Sie würde gehen. Das wusste sie schon, als sie die Einladung im Briefkasten fand.Nichts Großartiges. Nichtmall eine Klappkarte. Eher ein fliegendes Blatt, das sich in seinem gelben Kleid dem Auge aufzwingt. Doch für sie kam es einer göttlichen, schicksalhaften Vorladung gleich.

Sie nahm das billige Papier, drückte es an ihr Herz und tanzte mit ihren beschwingten Erinnerungen – ins Jenseits der Zeit, bevor ihre Tränen mit den seidenen Fäden des Regens wetteiferten.

Damals, als sie noch gern badete und sich unter seinem geschlagenen Schaum rekelte. Die entblößte Haut so lange in Öl getaucht, bis alle Poren versiegelt, verschlossen, verdichtet waren und die Fingerkuppen sich kräuselten, wie letztes Jahr seine Nase, als er sie aus der Ferne erblickte.

Vor seinem mumifizierten Hautempfinden und dem post-amorealischen Duft, der sich wie das Turiner Leichentuch über ihre Leidenschaften legte.

Bevor das zerbrochene Fenster der Veranda es wagte, von seinen ekstatischen Umarmungen zu erzählen, die ihr das Blut aus dem Fleisch quetschten und fast das Leben.

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Morgenlandreise 73

Wohne nun schon seit 5 Tagen am Ufer des Ganges auf einem Hausboot, das Ashant gemietet hat. Er ist ein überaus liebenswürdiger älterer Herr, ganz einfach und ungekünstelt. Einige seiner Freunde reden ihn mit Sir an. Als ich das nachahmte, sagte er auch zu mir spaßeshalber Sir. Er spricht fließend englisch, erzählt gern von seinem langjährigen Aufenthalt in London. Und da London eine meiner ersten großen Städte in meiner frühen Jugend war, haben wir ein gemeinsames Thema. Er ist sich der Schande, die das britische Empire Indien angetan hat, sehr bewußt, schätzt aber englische Lebensart und vor allem englischen (jüdischen?) Humor über alles. Dagegen kann er nicht an, sagt er. Ganz anfangs fragte er mich, ob ich ein Bett bräuchte? Ich hatte meine Decke noch über der Schulter liegen und sagte: Hier ist mein Bett. Bestens, sagte er, dann ist die Herberge schon gebongt. Ashant lacht gern, spricht sehr nachdenklich, das aber meist mit unernsthafter Miene, und manchmal platzt es einfach aus ihm heraus, ob nun sein Gegenüber (also ich) den Witz mitgekriegt hat oder nicht. Da ich auch gern lache, selbst über bösartige Streiche, wenn genügend Komik drinsteckt, haben wir ein zweites übereinstimmendes Thema. Ein drittes ist das Reisen. In Deutschland war er nie, das bedauert er. Einige Deutsche hat er kennen gelernt, sie gefallen ihm, sagt er, wie überhaupt Reisende, sie sind von anderem Kaliber, als die Seßhaften. Er spricht über Kunst, Künstler, künstlerische Arbeitsweisen. Künstler sind auch Reisende, sagt er, auch wenn sie sich nie vom Fleck rühren. Alles nur, wenn es an der Zeit ist, wenn er mir seine Stadt zeigt, wenn es sich unmittelbar von selbst ergibt. Es ist ein Dialog (von mir aus oft nur in stummer Gestik und begeisterter Anteilnahme), nie Redeschwall. Kennen Sie, fragt er mich, oder duzt er mich? (ich krieg das nie genau heraus und will es auch nicht), Khajuraho? Das ist das Aufregendste, das Indien zu bieten hat.

Gestern abend, in den dunkelnden Himmel und den dunkelnden Strom hinein, saßen wir an Deck seines Boots. Ashant, der sich auf seinem Visiten-Zettelchen Poet, Writer, Jaornolist, Old Social worker nennt, hatte einige Freunde zu seinem und meinem Gefallen eingeladen. Ein paar Kerzenflämmchen, tschai und das shilom des Hausherrn, das war die Ausstattung des Abends. Bis tief in den Morgen hinein saßen wir, meist schweigend, hin und wieder grunzte jemand vor Glückseligkeit. In mir fühlte ich den Atem des Stroms, diese leichte Bewegung des Auf und Ab, war zeitweilig sehr mit mir eins.


Benares vom Ganges aus gesehn

Ein Freund Ashants besitzt einen Kahn, mit dem er geschäftsmäßig Fremde über den Ganges stromauf und –abwärts rudert. Frühmorgens, noch im Dunkeln, holte er mich ab. Wir verweilten in der Nähe einer Verbrennungsstätte. Die Toten werden auf einer Bahre, mit Tüchern und Blumen bedeckt, an einer seichten Stelle in den Ganges gelegt. Holz wird auf einer der vielen Terrassen, worauf die Treppen münden, aufgeschichtet, der aus dem Wasser geholte Leichnam dazwischengelegt. Ein 2, 3 Stunden währendes Feuer verzehrt ihn. Die Reste werden in den Fluß gestreut. Auf den Treppen warten weitere Tote auf ihre Verbrennung.

Für Inder ist der Ganges ein heiliges, heilendes Gewässer. Sie stehen und waten verzückt darin herum, schöpfen sich mit Gefäßen das Wasser über die Köpfe, putzen sich die Zähne damit, spülen ihre Ohren aus. Kein Fleckchen des Körpers lassen sie aus. Sie grüßen mit gefalteten Händen den Tierkadaver, der an ihnen vorbeischwimmt. Sie sind ganz Verzückung, wenn sie in diesen dunklen Fluten baden. Ich für mein Teil wage nicht einmal einen Finger in diese abgründige Brühe zu stecken.

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