Was ist Idealismus?

Bin halt ein Idealist. Ich bin es. Und das ist evident. Das ist keine Einstellung, keine Haltung, sondern ein Sein. Daran kann ich nichts ändern. So wenig wie an meiner Augenfarbe, meiner Körpergröße, meinem Fettverteilungsmuster. Was ich machen kann? Ich kann Schuhe mit Absätzen tragen, hübsche Kleider, zum Friseur gehen, Deo benutzen. Eine kritische Haltung entwickeln. Einer, der alles einem Ideal unterwirft, wird nichts als Enttäuschung ernten.


Collage: Rolf Hannes

Also erarbeitet man sich die Realität. Da ich kein Realist bin, ist mein Blick auf die Realität immer ideal. Also Brille putzen und sich klar machen, dass das eigene Paradigma die Erfahrungen kontrolliert. Es geht nicht darum, mein Sein zu kaschieren und so zu tun, als sei ich ein Realist. Warum? Warum sollte ich verheimlichen, dass ich Idealist bin?

Ich bin kurzsichtig. Gibt es einen Grund, das zu verheimlichen? Nur in einer Welt, wo Kurzsichtige verbrannt werden, weil sie zu behindert sind. Also Brille putzen. Immerhin kann ich mein Augenleiden so korrigieren. Bin ich krank, weil ich ein Idealist bin? Man kann stolz auf seinen Bauch sein, oder ihn verdecken. Man kann das aber auch kultivieren. Eine Haltung entwickeln. Und das ist die Kunst. Das ist auch die Kunst des Schreibens. Schreiben ist eine Haltung.

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Morgenlandreise 67

Heute ist Karfreitag. In indischen Kalendern ist der Tag rot gedruckt, also holiday, niemand in meiner Umgebung weiß den Grund.

Traum aus letzter Nacht: Ein Haus stürzt zusammen im obersten Stock. Es rutscht alles zur Seite, auf der andern wird’s wieder aufgebaut. Die untern Stockwerke scheinen solide. Philip Methews, der Sohn von Niki de Saint Phalle, baut mit. Das Leben beginnt ein Spiel zu werden: etwas kippt weg, etwas wächst neu. Oder sollte das ganze Haus einmal einstürzen?

Traf den Saudi, meinen ehemaligen Bettnachbar wieder. Er war ganz verstört, als ich ihn ansprach, er erkannte mich nicht mehr.

Ließ mich von einer Rikscha ins Albert und Viktoria Museum bringen. Großartige Sammlung persischer, hinduistischer Miniaturen. Beeindruckende Beispiele von Kunstwerken aus der Mogulzeit. Tiefe samtene Blaus (Lapislazuli), Rots wie in pompejanischen Fresken. Prächtige Kollektion chinesischer, japanischer Fayence, Porzellane, Rüstungen. Im obersten Stock: eine Bilder-Galerie. Gutes und Mist bunt gemischt. Erheiternd zu sehn, was der Jugendstil in Indien anrichtete.

Die Engländer waren sehr prägend für die bürgerliche Schicht Indiens. Sie paßte sich an oder wurde korrumpiert. Aber der Bevölkerung auf dem Land raubte man ihre Würde und ihr Selbstverständnis, man raubte ihr die Seele. Der indische Subkontinent umfaßt eine erstaunlich heterogene Bevölkerung. Im Norden Indiens sind die Menschen hellhäutig wie Europäer, im Süden dunkel wie im Sudan. Niemand weiß genau, wie viele Sprachen und Dialekte gesprochen werden (wurden). Hindi als Umgangssprache im nördlichen Teil setzt sich allmählich als Verkehrssprache durch. Für die gehobene Schicht der Städter bleibt Englisch das Idiom. Und weil jeder kleine Polizist, jeder kleine Beamte teilhaben möchte am weltläufigen Umgang, sprechen sie ein gräßliches Englisch, das ihre Seele entstellt. Ich war mit Indern zusammen, die sich untereinander englisch unterhielten, weil sie sich in ihren landesüblichen Sprachen nicht verständigen konnten. Das Englische als Sprache der Verwaltung, des Handels, des Verkehrs, der Technik hat die einheimischen Sprachen verkümmern lassen.

Zu Abend esse ich im Shalimar. Es ist mein Lieblingslokal geworden. Es besteht aus einer großen schmucklosen Halle, mit schmucklosen langen Tischen, leichtwacklige Hocker drumherum. Zwei doppelflügelige Türen zur Straße stehen offen, über jedem Tisch surren zwei Ventilatoren. Viel Licht braucht es nicht, es gibt keine Speisekarte. Es gibt keine Musik, wie sie einen in Gasthäusern Europas berieselt. Der Ort ist Musik genug, von draußen tönen die Geräusche des Abends herein, auch quirlige Vogellaute, und vermischen sich mit dem Gemurmel und Schmatzen der Essenden. Eingeführt hat mich hier ein Inder, seither bin ich willkommen, die Kellner begrüßen mich.

Seit vorgestern schmause ich im Shalimar in Begleitung eines Bettlers. Er stand vor der Tür, als er mich herannahen sah, faltete er demütig seine Hände zur Begrüßung. Da hatte ich die Eingebung, statt ihm eine Münze zu geben, ihn zu bitten, mein Gast zu sein. Ich begrüßte ihn mit der gleichen Geste des Händefaltens und einer leichten Verbeugung und machte eine einladende Bewegung, die er verstand. Zögerlich, ein Schrittchen hinter mir, schloß er sich mir an. Ein Kellner kam herbeigeeilt, um dem Bettler den Zutritt zu verwehren. Bis ich sagte: Ich habe ihn eingeladen, er ist mein Gast, wir speisen zusammen. Wie Freunde, setzte ich hinzu.

Nun lächelte der Kellner und begleitete uns zu einem Tischlein am Rand des Saals. Fortan bleibt dieses Tischlein uns vorbehalten.

Gesprochen haben wir kein Wort miteinander, wir halten ein zurückhaltendes Zeremoniell ein. Wenn der Alte mich kommen sieht, richtet er seine Augen auf seine gefalteten Hände, und ich begrüße ihn mit gleicher Geste. Mir ist, als ging ein Strahlen von seinem Gesicht aus.

Den Kellner bitte ich jedesmal, den Bettler zu fragen, was er haben möchte, und für mich bestelle ich dasselbe, so komme ich an köstliche indische Gerichte, einfache und schmackhafte. Wenn wir essen, sitzen wir wortlos voreinander, schmatzen, schlürfen und lassen es uns ohne Umstände schmecken. Wir erfreuen uns der Gemeinsamkeit zwischen uns.

Jetzt wo ich das schreibe, weiß ich: ich bin der Gast des Alten, ich bin der vom Bettler Beschenkte.

shukkeria (Pakistan)         taschkar (Persien)         teschekür (Türkei)         =         Danke

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Wohlstand, Variante 2 und 3


Zeichnung: Rolf Hannes

Steht er wirklich? Kann er liegen?
Kann er stolpern? Kann er fliegen?
Liegt er? Lügt er? Und betrügt er?
Wo wohl? Wer wohl? Was wohl? Wie wohl?

Wohlstand.
Mein Stand ist wohl.
Mein Kopf ist hohl.
Hohlstand. Kopfwohl.

Mein Wohl ist mein Stand.
Ich stehe am Rand.
Ich hab es erkannt.
Ich hab’s in der Hand.
Oh Wohlstand! Oh Land!
Schland. Deut. Schland.

Dort steht der Wohlstand stolz erhaben.
Kein Zweifel nagt an seinem Kern.
Es wollen sich die Menschen laben –
und opfern sich dem edlen Herrn.

Vergessen alle anderen Dinge,
ihr Glücksrad drehen sie als Sucht.
Und spüren nicht die enge Schlinge,
das Ende, wenn es kommt mit Wucht.

Des Wohlstands Ende: angsterfüllt
starrt das Karnickel auf die Schlange.
Die Wohlstands-Gier bleibt ungestillt.
Ins Herz bohrt sich die spitze Stange …

… aus Frust und Sorge und Verzicht.
Den Wohlstand kümmert so was nicht.

 

Wohlstand, Variante 3 und Schluss.

Mathematischer Aspekt: Wohlstand minus Wohls gleich Tand.
Tanderadei. Und Du bist frei!

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Wunderblock 14


Radierung mit Aquatinta Pfeil und Gegenpfeil: Rolf Hannes

Die Subversion lebt.  Meine Lieben steigen aus ihrem Grab.    Und
flüstern mir zu, was ich nicht thun sollte. Oder zu lassen habe. Ich
such ja auch die Metapher. Die Gottsüchtigen ficken kleine Kinder.
Ich bin ein Geschriebener aus dem Vortag.   Also halse ich mir was
ab. Bewegte mich für einen Wortzwiespalt auf mich zu. Oder hätte
das Ganze einen anderen Sinn,  als  sich  weiterhin  zu verfolgen in
seiner apollinischen Häme,  also  immer wieder zurückkommen zu
wollen auf seine Vernunft,  die längst verseucht ist.  Von Gott. Vom
Blut, das du nie ausspuckst  (-sprichst).  Vom unter Menschen sein.

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Morgenlandreise 66

War den langen gestrigen Tag mit einer Pferdedroschke unterwegs. Ein zahnloser Alter und ein hübscher großäugiger Junge saßen auf dem Kutschbock, wahrscheinlich Großvater und Enkel. Hatte mit ihnen einen Preis für den ganzen Tag ausgemacht, kam mir vor wie ein kleiner Fürst. Einmal ließ ich vor einer Buchhandlung halten. Erst verstanden sie meine Bitte zu halten nicht. Es war noch früher Vormittag und ich fragte sie, ob sie Hunger hätten. Ja, sagte der Kleine und seine Augen wurden noch dunkler und größer. Also schickte ich ihn zur nächsten Ecke, was einzukaufen für sich und seinen Großvater, derweil ich in der Buchhandlung schmökern wollte. Jetzt verstanden sie. Bücher. Wahrscheinlich würden sie ihr Lebetag nie eine Buchhandlung betreten. In ihr erstand ich eine Anthologie englischer Gedichte und fand dies darin:

I am the poet of the body and
I am the poet of the soul
The pleasure of heaven are with me
And the pains of hell are with me
I am the poet of woman
The same as the man
And I say it is as great
To be a woman as to be a man
I have said that the soul
Is not more than the body
And I have said that the
Body is not more than the soul
And nothing, not god,
Is greater to one than one’s self is.
Song of myself:   Walt Whitman

So begeistert war ich von dem Gedicht, ich mußte es meinen beiden Kutschern vorlesen, ob sie es nun verstanden oder nicht. Sie schauten ehrfurchtsvoll und beglückt drein. Da gab es einen Deutschen (Yesyes Germany, sie hatten keinen Dunst von Europa, noch weniger von Germany) und nun las der ihnen in einem vornehmeren Viertel Bombays ein englisches Gedicht vor wie wenn es eine Strophe aus der Gita wäre.

Mittags machte ich den Vorschlag, wir könnten gemeinsam zu Mittag essen. Nicht vornehm, nicht europäisch, in einem einfachen indischen Gasthaus. Ein Gasthaus ihrer Wahl, eins, das sie aus eigner Erfahrung kennen. Eins, in dem die Inder ohne jegliches Besteck alles mit der Rechten essen, und wo man manchmal Fremden, die solche Lokale zu schätzen wissen, nebenbei ein Besteck hinlegt. Erst sträubte der Alte sich, dann aber machte der Bub seinem Großvater klar, er wisse das richtige. Und es war das richtige, einige Straßenzeilen vom vornehmen Bombay weg. Hier stimmte die Mischung, es ging weder touristisch noch ärmlich zu. Das Pferd bekam seinen Habersack vorgebunden, und wir drei saßen in verschwörerhaft vornehmer Runde und ließen uns die mit Gemüsen gefüllten chapati schmecken. Unser gemeinsames Mahl brachte uns zusammen. Als meine Fuhrleute sahen, wie ich mit der bloßen rechten Hand (nachdem ich sie mir gewaschen hatte wie meine beiden Fuhrleute), die Pfannkuchenbrocken geschickt in den Mund schob, vorher mußt du sie genüßlich durch die Soße tunken, und als sie merkten wie ich es genoß, das Essen und ihre Gesellschaft und das Treiben um uns herum, betrachteten sie mich weniger als Tourist, nun war ich mehr ein Mensch wie sie. Und sie hatten nichts dagegen, als ich sie bat, in den weniger geschleckten Vierteln der Stadt die Fahrt fortzusetzen. Der Junge hatte den Einfall, einen Tempel aufzusuchen, einen Tempel, der dem Gott Hanuman geweiht ist.

Hanuman, der Affengott, ist für vielerlei Irdisches zuständig. Der Tempel stand inmitten einer mit höllischem Lärm befrachteten Verkehrsstraße. Der Tempel war nichts andres als eine Insel, um den der alltägliche Verkehr herumfloß. Inmitten des Heiligtums stand ein riesiger jahrhundertealter Baum, um den sich der Tempel, nur mit einigen an Bambusstangen befestigten Matten eingefaßt, herumwand. Alles war licht und offen, der Baum war die eigentliche Tempelarchitektur. Und die Götter, die Hilfsgötter, die Untergötter waren eine unübersehbare Affenmeute, die sich in den Ästen des Baums tummelte, zankte und gegen den Lärm ankreischte. Affen sind nicht meine Lieblingstiere, um ehrlich zu sein, einige Sorten, die mit blankgescheuerten Hintern, sind mir recht zuwider.


Indiens beliebtester Gott Hanuman

Hanumans LIeblinge haben nicht nur häßliche Hintern, sie haben auch keinerlei göttliche Manieren. Imgrunde sind sie ein unausstehliches Diebespack. Fortwährend sieht man sie, wie sie sich von ihrer Insel fortstehlen, dabei springen sie sogar über langsam vorbeifahrende Autobusse, über Fuhrwerke, und wenn es darin etwas für ihre Freßlust zu stibitzen gibt, lassen sie es unter notgedrungener Gelassenheit der Besitzer mitgehn.

Das Zentrum des Tempels war eine Höhlung im Stamm des großen Baums. Darin brannten Kerzen, Räuchergefäße verströmten ihren betörenden Duft. Täfelchen und Girlanden aus frischen Blumen, Zettel waren ringsum an den Baum geheftet, Räucherstäbchen am Boden allüberall. Und vor dem Tempelhüter, einem hoffentlich verehrungswürdigen saddhu im Lotossitz, stand ein irdenes Gefäß, worin auf Knien vorbeirutschende Inder Münzen und Zettelchen warfen. Die, die der Hüter des Tempels, so Hanuman will, später an den Baum heftet. Stelle mir die Wünsche der Inder vor. Einer mag lauten: Hanuman, gib mir so flinke und gesegnete Hände wie deiner Affenschar.

Die könnte ich missen, nicht aber das Ereignis, das mir meine Droschkenfahrer bereiteten.

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Wohlstand, Variante 1


Zeichnung: Rolf Hannes

Wohlstand stand wohl kerzengrade
eines Tages vor der Tür.
Hatte eine dicke Wade,
aber ich konnt‘ nichts dafür.

Stand schon lange, leblos, steif.
Auf dem Haarschopf weißer Reif.
Kalt wars in der rauhen Welt,
und der Höllenhund, der bellt!

Frag ich: „Was willst Du bei mir?“
„Ich bin Wohlstand, traue mir!
Lass mich rein, dann winkt Dir Glück:
Dauernd, ewig, Stück für Stück!“

Es war kalt, es fröstelt mich.
„Also komm, so wärme Dich!“
Doch kaum war er bei mir drinnen,
sah ich ihn sein Werk beginnen:

Mich umtanzen, mich verlocken,
mich umgarnen. Mich verstocken,
mich bedrücken, mich erpressen,
dann mich quälen. Und vergessen,…

Wie es ohne Wohlstand war?
Damals war der Kopf recht klar,
keine Angst, ihn zu verlieren –
keine Angst, sich zu blamieren,

wenn ich nicht nach Wohlstand röche
oder in der Gosse kröche.
Wüsst ich nur, was dann passierte,
wenn der Wohlstand mir krepierte:

Ich gäb alles, was ich habe –
nein, nur vieles, alter Schwabe!
Eher gar nichts – er muss bleiben.
Seh ihn sich die Hände reiben.
Seh ihn sich die Hände reiben.

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Brett vom Kopf


Radierung: Rolf Hannes

Es weht der Wind ein Brett vom Kopf,
von vielen Brettern eins.
Und dieses Brett – man merkt es kaum.
Denn eines ist ja keins.

Doch dieses eine Brett allein
bestimmte oft mein Leben.
Das Brett aus Holz war Teil von mir,
hat mir sehr viel gegeben.

Denn kaum war dieses Brett verweht,
da kam die Angst, die schwere.
Ein Brett vorm Kopf gibt Sicherheit.
Es schützt uns vor der Leere.

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Morgenlandreise 65

Zu der englischen Lady hinter dem Schalterfensterchen im Eingang (es ist morgens und nachmittags für je 2 Stunden besetzt) sagte ich: Please, could I have a clean bedsheet. Ich wollte andeuten, wenn es hier schon ein wenig britisch zugeht, dann bezieht mein Bett wenigstens mit einem etwas saubereren Laken. Immerhin hatte ich ein Einzelzimmer, nach einiger Zeit ein Zimmer für mich allein. Yes, sagte sie, twenty rupies. Sie schaute kaum hoch. Ihre Stimme blieb in ruhigem Geschäftston. Why twenty rupies? I don’t eat your bedsheet. Ich fixierte ihre Unterlippe und machte eine Schnauze, als wollte ich mich gleich an ihr festsaugen. Oh yeh, sagte die Dame der Heilsarmee, you can eat the bedsheet, that makes fifty rupies more. Otherwise you’ll get 20 rupies back. Und sie grinste ihr heilsarmeeigstes Lächeln. Ich war baff über soviel Geistesgegenwart und Schalkhaftigkeit. Fast bühnenreif. Uneinstudiert, diese kleine kauzige Unterhaltung, darum machte sie mir Spaß, und ich merkte, es ging ihr nicht viel anders. Und diese Übereinstimmung galt es zu retten, und so holte ich mit großer gespielter Gleichgültigkeit 20 Rupien aus meinem Brustbeutel und sie griff mit der gleichen gespielten Gleichgültigkeit unter ihr Schalterbrettchen und schob mir ein frisches gebügeltes Bettlaken zu.

Gestern, am späten Nachmittag, ich lief ziellos durch die Straßen, hing sich ein Junge an mich. Wiedermal. Ein sauber gekleideter intelligent aussehender hübscher Bursche, vielleicht 14 Jahre alt. Du siehst sie an, lächelst ein wenig, mehr und mehr kommen sie auf Tuchfühlung. Sie spielen dann den Führer. Es gibt nichts zu führen. Da ist dies und dort ist jenes, und sie zeigen auf Geschäfte, die dich so viel interessieren wie alles andere auch, radebrechen ein bißchen englisch, und mit einmal weißt du, du hast sie in Begleitung. Don’t worry. Was soll’s, das Leben fließt ohne und mit Begleitung.


unterwegs: mal oben, mal unten

Du hast ihn fast vergessen, siehst ihn auch nicht mehr im Menschenstrom, an der übernächsten Ecke ist er wieder neben dir. Als ich bei der Heilsarmee ankam, waren‘s zwei. Der andre, so um die 16, mit gutem Englisch, wollte mir Opium andrehn. Er lebt davon, für Ausländer Geschäfte einzufädeln. Ich zeigte ihm meinen Taperecorder, den ich für die mandalas zu Geld machen möchte.

Ich war müde und wollte allein sein, ich fühlte, ich wollte sie nicht in meinem Zimmer haben. Ich war sie nicht losgeworden, und eh ich mich’s versah, saßen sie auf meinem Bett. Ich war der gute Onkel. Zuvor hatten wir an einer Ecke faludas getrunken, dies und das hatte ich zum Knabbern gekauft. Stundenlang war ich herumgelaufen, ich hatte keine Ahnung, wie ich zu meiner Bleibe zurückfinde. Also ein Taxi. Es lief alles wie im Kino. Sie handelten für mich den Taxipreis aus. Als ortsunkundiger Fremder hätte ich ein Vielfaches bezahlt. Taxifahrer rund um die Welt sind gewohnheitsmäßige kleine Gauner. Sie müssen auf andre kleine Gauner treffen, damit es rechtens zugeht. Jetzt räkelten sie sich über mein Bett.

Ich sagte und kam über meine Filmrolle ins Schmunzeln: I am not a homosexual oncle, who catches boys. Now, gentlemen, I wont to be allone. Sie nahmen es gelassen und trollten sich. Anderntags würden sie sich wieder einstellen, soviel stand fest. I really prefer women, dachte ich für mich, wenn mir doch die Mädchen so zugelaufen kämen wie dauernd diese Burschen.

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unabhängigkeitstempel Folge 5

03.04.2018
alle kabel transportieren informationen aus meiner wohnung zu einer zentrale, in der sie bewertet und weitergeleitet werden. heute habe ich die verbindungen getrennt. ich habe meine fensterscheiben mit buttermilch eingestrichen. milchglasscheiben schützen mich jetzt vor den jungs mit den feldstechern, und wenn ich auf meinen schatten achte, auch vor scharfschützen. ich muss unsichtbar werden. ich muss aufhören zu existieren, bis ich alles vorbereitet habe.

Ölkreidezeichnung: Rolf Hannes

22.11.2018
ich bin kein rassist. das system trägt alle hautfarben, und es hat den dritten weltkrieg längst beschlossen. das kasperltheater der staatschefs, vertretern der kirche und der arbeitenden klasse soll uns unterhalten, während wir mit einer chipstüte vor dem bildschirm auf den nächsten werbeblock warten, um scheißen zu gehen. dieser krieg wird die zahl der verlierer halbieren. das sind ausreichend menschen, um sie zu beherrschen, und zu versorgen. macht braucht die machtlosen. das system braucht konsumenten, werktätige, rekruten.

morgen werde ich ein zeichen setzen. aus meinem funken wird ein feuer, und bald werden statt bomben sterntaler vom himmel fallen, und das volk wird beim licht der brennenden bürotürme auf den straßen tanzen.

inzwischen ist es dunkel. fach nimmt das notizbuch, bestellt einen extragroßen müllcontainer und tastet sich aus der wohnung.

Wird fortgesetzt.

 

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Der Vogel ist ausgeflogen.

Er stand auf und ging zum Kühlschrank, öffnete ihn, bückte sich und holte aus dem Seitenfach einen Tetra Pak Vollmilch. Er richtete sich wieder auf, schloss den Kühlschrank, stellte den Tetra Pak auf den Küchentisch, ging zum Küchenschrank, holte sich ein leeres Glas aus dem obersten Fach und schloss den Küchenschrank wieder. Er stellte das Glas neben den Tetra Pak, setzte sich. Er öffnete die Milchtüte, goss das Glas voll, schraubte den Plastikverschluss wieder auf den Tetra Pak.

Dann blickte er aus dem Fenster und beobachtete auf dem gegenüberliegenden Baum auf einem Ast einen Vogel. Der saß da ganz ruhig, bewegte sich nicht. Aron bewegte sich auch nicht. Er sah dem Vogel dabei zu, wie dieser ohne sich zu bewegen auf dem Ast saß und saß dabei selbst auf seinem Küchenstuhl, ohne sich zu bewegen. Sie saßen sich gegenüber, Aron und der Vogel. Auf dem Küchentisch stand ein volles Glas Milch und daneben ein Tetra Pak, ultrahocherhitzt, homogenisiert. Dann flog der Vogel davon.


Zeichnung: Rolf Hannes

Aron trank in einem Zug sein Glas Milch, stand auf, nahm seinen Koffer und verließ die Wohnung. Sachdienliche Hinweise sind nicht möglich. Aron ist eine Figur der Literatur. Gerade zur Welt gekommen ist er auch schon wieder verschwunden. Da wir nicht wissen, wo er wohnte, nicht wissen, wo er hinging, bleibt lediglich das Bild einer leeren Küche. Auf dem Küchentisch steht ein Tetra Pak Vollmilch und daneben ein geleertes Glas. Das Glas ist milchig. Blickt man aus dem Fenster, kann man einen Baum sehen. Einen Ast, der noch leicht nachschwingt. Soeben ist der Vogel weggeflogen. Ausgeflogen.

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