Pädagogisch und sozial ein Desaster

„Pädagogisch und sozial ein Desaster“

Adrian Lobe übt zwar eine fundamentalistische Kritik, zeigt aber einen Paradigmenwechsel auf: Krankheit wird öffentlich und zur Stigmatisierung, Selbstoptimierung und Gesundsein zur Pflicht. Die Bürgerinnen und Bürger verlangen natürlich vom Staat, dass er sie schützt, wollen aber nicht, dass er Schock- und Angst-Berichte nutzt, diesen Notstand zum Normalfall werden zu lassen. Der Profi-Hacker Oxblood Ruffin schildert unter dem Titel „Wenn Sie ein Handy haben, sind Sie doch ohnehin schon überwacht“ diese Entwicklung.

Zeit online: Wenn wir uns daran gewöhnen, dass unsere Bewegungsdaten und unsere Begegnungen laufend von solchen Apps erfasst werden, rennen wir da nicht auf dystopische Zustände zu?

Ruffin: Das ist alles denkbar. Man muss ja nur mal in die Länder schauen, wo eine technische Kultur ohne liberale demokratische Werte entwickelt wird, etwa in China. Das ist alles irre dort! Haben Sie das Video auf YouTube gesehen, wo eine alte Dame auf der Straße von einer Drohne wieder nach Hause geschickt wurde? Mit den neuen Techniken, Überwachungskameras überall, Gesichtserkennung, 5G-Netzen mit Abermillionen neuer vernetzter Sensoren überall wird das noch schlimmer werden. Also ja: Missbrauchsgefahren gibt es immer, man muss aufpassen damit.

Zeit online: Mit den Missbrauchsgefahren durch Staaten.

Ruffin: Nicht nur das, es wird auch private Akteure geben, die Betrug oder Erpressung auf der Basis solcher Daten betreiben. Wir sind jetzt im Krieg gegen eine Pandemie, und jeder Krieg bringt seine Profiteure hervor, oder? Und ja, natürlich sind neue Arten staatlichen Missbrauchs durch solche Apps denkbar, Überwachung und Kontrolle. Wenn Sie als Regierung mal nicht wollen, dass Leute sich einem bestimmten Ort nähern, oder dass sie sich überhaupt in großen Mengen versammeln, dann machen Sie über die Apps eben klar: Achtung, da besteht ein hohes Infektionsrisiko!

Zeit online: Klingt schon dystopisch genug.

Ruffin: Schlimme Dinge sind vorstellbar, aber deswegen müssen sie noch lange nicht passieren. Vielleicht kommen wir aus der Sache nicht nur infektionsfreier heraus, sondern auch mit einem geschärften Sinn für freiheitliche Bürgerrechte. Schon weil wir jetzt solche erregten Debatten über die Corona-App führen.

Es zeichnet sich offensichtlich ab, dass die Digitalkonzerne die Gunst der Stunde nutzen. In der Le Monde diplomatique wird dies prognostiziert:

Andererseits hat das Wirtschaftssystem im Verlauf seiner Geschichte eine außergewöhnliche Fähigkeit bewiesen, die immer häufiger werdenden Stöße zu parieren, die seine Irrationalität verursacht. So setzen sich auch bei den heftigsten Erschütterungen in der Regel die Verteidiger des Status quo durch. Sie nutzen die allgemeine Fassungslosigkeit aus, um die Macht des Marktes noch weiter auszudehnen

Der Unternehmerverband Bitkom, das Hasso-Plattner-Institut und Lehrerverbände haben im Mai 2020 gemeinsam den Pakt für die „Offensive Digitale Schultransformation“ beschlossen. Prompt genehmigte die Bundesregierung am 15. Mai 2020 zusätzliche 500 Millionen Euro für Laptops und Tablets, trotz der Einschätzung des Vorstandes der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), dass das Homeschooling der letzten Monate „sehr problematisch“ sei, so die Süddeutsche Zeitung am 23. Mai auf der Titelseite: „Pädagogisch und sozial ist das ein Desaster.“ So ist es den digitalen Aggressoren gelungen, in den Bildungsmarkt Schule einzubrechen. Werden Lehrerinnen und Lehrer diesen Dammbruch zulassen?

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