Oscar Wilde: Die Seele des Menschen unter dem Sozialismus

Holzschnitt Mensch und Maschine: Rolf Hannes

Oft hört man, die Armen seien für Wohltaten dankbar. Einige sind es zweifellos, aber die besten unter den Armen sind nie dankbar. Sie sind undankbar, unzufrieden, eigensinnig und aufsässig, und zwar ganz zu recht. In ihren Augen ist Barmherzigkeit eine lächerlich unzulängliche Art der teilweisen Rückerstattung oder ein sentimentales Almosen, gewöhnlich verknüpft mit dem skandalösen Versuch des rührseligen Spenders, auf ihr Privatleben Einfluß zu nehmen. Warum sollten die Armen dankbar sein für die Krumen, die vom Tisch des Reichen für sie abfallen? Und eben das gilt es zu begreifen.

Die wahre Vervollkommnung des Menschen liegt nicht in dem, was er hat, sondern in dem, was er ist. Der wahre Besitz eines Menschen ist das, was er in sich trägt.

Einst wurden große Hoffnungen in die Demokratie gesetzt, aber die Demokratie ist (inzwischen) nichts anderes als die Herrschaft des Knüppels über das Volk durch das Volk für das Volk.

Es hat geradezu etwas Tragisches, daß mit der Erfindung jeder Maschine, die ihm die Arbeit abnahm, zugleich auch die Not vieler Menschen wuchs. Ein einzelner besitzt eine Maschine, die die Arbeit von fünfhundert Menschen leistet. Folglich werden diese Menschen arbeitslos und verfallen der Asozialität. Und werden ruhig gehalten, durch das Almosen von staatlicher Unterstützung. Die ihn einschläfert, aufzustehn, um sein Recht einzufordern. Wär die Maschine Eigentum aller, könnte jedermann davon profitieren.


Oscar Wilde schrieb 1891 diesen umfangreichen Essay, aus dem ich einige Gedanken auswählte, weil sie mir gefallen und ich sie für uns heute noch von Bedeutung halte.

O. W. war alles andre als ein Sozialist, er war ein Freigeist und Dandy (mit anrüchigem Umgang im englischen Hochadel), und ein berühmter Dichter.

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