Offenes Feuer


Foto: Rolf Hannes

Am Anfang steht das Lagerfeuer unter freiem Himmel. Das Holz dafür fand sich in unmittelbarer Nähe. Die Menschen lagerten sich im Kreis um die Feuerstelle, brieten auf den Flammen, was sie gefangen hatten: Fische, Wild. So muß es schon gewesen sein in der Steinzeit, bei den Neandertalern, vor hundertausend Jahren. Auf dem Feuer wurde das Essen bereitet, das Feuer wärmte, das Feuer schützte vor wilden Tieren. Es entstand wie durch einen geheimnisvollen Zauber in der Wildnis ein Stückchen Geborgenheit. Mehr und mehr wurden die Menschen seßhaft, behaust. Das Feuer bekam seinen Platz in der Höhle, in Jurten, in Zelten, in Hütten, in Häusern.

Der Offene Kamin ist das Lagerfeuer im Haus. Wenn sich zwei oder mehrere an ihm niederlassen, sich an ihm wärmen, sinnend in die Flammen schauen, Tee schlürfen, Plätzchen knabbern, ist es nicht weit zu den Geschichten, die an offenen Feuerstellen erzählt werden möchten. Die Geschichten, also das Erzählbare, was über die bloße Information hinausgeht, die kunstvollen Geschichten, die Märchen, sie konnten nur am offenen Feuer entstehen. Es brauchte eine Flamme, die nicht nur den Körper, sondern auch die Seele wärmt.

Es gibt Architekten, die behaupten, wenn in einem Haus, in einem Landhaus, einem wirklichen Landhaus der Offene Kamin fehle, fehle ihm die Seele. Mir leuchtet das sehr ein. Wenn ich zurückdenke an meine Pfandfinderzeit, wo wir in großen Zelten hausten, dann weiß ich, ich war dabei, weil es diese Zelte gab, diese Koten, wie wir sie nannten, mit einer Feuerstelle mittendrin. Ich glaube, einige Lappen, diese Nomaden im Norden Finnlands wohnen noch heutigentags in solchen Koten. Es braucht einiges Geschick, die Zeltbahnen um ein großes Stangengerüst zu zurren. In der Kuppel, dort wo sich die Stangen kreuzten, gab es die offene Stelle, woraus der Rauch des Feuers zog. Und dieses Feuer, inmitten des kreisrunden Zelthauses war die Seele der ganzen Pfadfinderei. Um dieses Feuer herumsitzend schmausten wir, hier sangen wir, hier erfanden, lasen und erzählten wir uns die wildesten Geschichten. Und in der Nacht wechselten wir uns ab, das Feuer zu hüten und beobachteten die Schläfer, die im Kreis mit ihren Füßen zum Feuer lagen und paßten auf, daß sie sich nicht ansengten.

Auch schneereiche Winter konnten uns nicht abhalten. Wir bauten dann eine brusthohe Schneemauer um unsre Kote herum.

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