Nochmal: Peter Sloterdijk

Sloterdijks Kritik der zynischen Vernunft ist ein wahrhaft vollendet großartiges Buch. Alle kriegen sie darin ihr Fett weg. Der Spiegel kann nicht klargeputzter sein, den er vorhält: Politikern, Bankleuten, Militärs, Malochern, Ärzten, Schriftstellern, Journalisten, Philosophen, Priestern, Psychiatern, Lehrern, Bürgern, gläubigen und ungläubigen.

Was halten wir von dieser zufälligen Blütenlese?

Die Lust in der Politik, ja auch nur die Minderung des Leidens an der Politik hat der Sozialismus zumal in den westlichen Ländern nicht überzeugend in Regie zu nehmen gewußt. Sie konnte Wut, Hoffnung, Sehnsucht und Ehrgeiz mobilisieren, aber nicht das, was alles entschieden hätte, die Lust, ein Proletarier zu sein. S. 150

In dem Augenblick, wo Menschen reif werden für die Wahrheit über sich selbst und ihre sozialen Verhältnisse, haben die Machthaber seit jeher versucht, die Spiegel zu zerschlagen, in denen Menschen erkennen würden, wer sie sind und was mit ihnen geschieht. S. 161

Die Professoren sind wirklich keine »Bekenner«, sondern Trainingsleiter in Kursen lebensfernen Wissenserwerbs. Die Universitäten und Schulen üben eine schizoide Rollenspielerei, in der eine demotivierte, aussichtslos-intelligente Jugend lernt, die allgemeinen Standards aufgeklärter Sinnlosigkeit einzuholen. S. 172

Es ist fast mehr noch die Unfähigkeit zur richtigen Wut zur richtigen Zeit, die Unfähigkeit zum Ausdruck, die Unfähigkeit, das Sorgeklima aufzusprengen, die Unfähigkeit zur Feier, die Unfähigkeit zur Hingabe (was ein Leben grau und schal macht). S. 251

Als Repräsentant des kynischen Prinzips* (Reduktion aufs Wesentliche), läßt sich der Arsch kaum verstaatlichen, obwohl man nicht leugnen kann, daß schon manches Arschloch nationalistische Töne von sich gegeben hat. S. 283

Die Herren der Arbeitswelt sind es, denen es vor den Leuten graut, die Liebe, Lebensfeier und Kreativität höher stellen als das Schuften für den Staat, die Reichen, die Armee etc. S. 354

Die Religion kann ebenso zum Instrument der Politik gemacht werden wie die Politik zum Instrument der Religion. S. 355

Mit dem Riß im Kopf zu leben wurde zum Grundproblem der christlichen Herrschaften.
S. 435 (P. Sl. meint den Riß, der die Kirchenfürsten um ihr letztes bißchen gesunden Verstand bringt)

»Geld arbeitet«. Bei der Betrachtung dieser wundersamen Kapitalvermehrung auf dem Warenmarkt gebärdet sich Marx als ein ausgesprochener Spielverderber. Er ruht nicht eher, bis daß er den Vermehrungsmechanismus von Grund auf erklärt hat. Dies hat ihm die kapitalistische Gesellschaft bis heute nicht verziehen. S. 582

Man kann nicht ernsthaft über Arbeit reden, wenn man nicht bereit ist, über Erpressung, Herrschaft, Polemik und Krieg zu sprechen. S. 586

Der Privilegierte, der nicht zynisch wird, muß sich eine Welt wünschen, in der die Vorteile der Enthärtung der größtmöglichen Zahl von Menschen zukommen. Dieses Prinzip selbst in Bewegung zu bringen, ist die tiefste Bestimmung von Progressivität. S. 590

Sloterdijk

Wenn es die Geschichte zuläßt, nach einem ultimativen Untergang der Erde, einer exterristischen Spezies einige Überbleibsel zu erhalten, sollte dieses Buch darunter sein. Es gäbe Aufschluß über die nicht zu überbietende Anstrengung in Jahrhunderten, dem Globus mit seinen Bewohnern den Garaus zu machen.

*im Gegensatz zum zynischen (Kynismus und Zynismus zeichnet eine enge Verwandtschaft aus, sie sind aber diametral verschieden.)

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