Nicht in Freiburg bitte

Und er erzählt und erzählt, während er die Quittung schreibt, ihr das Zimmer zeigt, den Schlüssel gibt. Sagt, dass es nicht gut für sie sei, so allein durch die Welt zu ziehen. Dazu seien Menschen nicht geschaffen. Sie schaut aus dem Fenster, begrüßt das Nachsommerblau, das Münster, die Hänge. Und er erzählt, dass er noch ein paar Zimmer dazu gekauft habe seit letztem Jahr. Prima in Schuss sei sein Betrieb. Aber so allein, das wäre nichts. Freiburg, denkt sie und atmet durch, wie schön, dich wiederzusehen. Und er erzählt, dass er kein schlechter Kerl sei und nun auch eine schöne Wohnung habe, ganz oben über den Gästezimmern, frisch renoviert, mit nagelneuer Küche, Geschirrspüler und allem Drum und Dran.

Heide Floor - Nicht in Freiburg

Zeichnung: Rolf Hannes

Wenigstens die solle sie sich mal ansehen. Ach, Freiburg, denkt sie beim Hinausschauen, du Schöne, du Weltensammlerin. Und er erzählt, dass der Blick von ganz oben aus seiner Wohnung noch viel besser sei. Und für eine Frau wie sie sei es nun mal nicht gut, so allein. Dazu sei der Mensch nicht geschaffen. Freiburg, du Teure, denkt sie, deine Gassen, ich bin wieder da. Und er erzählt, dass Frauen wohl weniger Liebe als Männer brauchen, und dass das ein furchtbares Dilemma sei. Doch so allein, das sei nun mal nichts. Überlegen Sie es sich, sagt er, noch ist’s nicht zu spät, in ein paar Jahren fragt Sie keiner mehr. Deine Vielfalt, denkt sie, dein Farbenfeuer, ach Freiburg, wie freu‘ ich mich auf dich. Und er sagt, nichts für ungut, aber sie solle sich die 50-jährigen Frauen doch mal richtig anschauen, dann würde sie sicher verstehen, dass da beim Mann nichts mehr laufe. Viel Zeit bliebe ihr also nicht mehr, und er wäre wirklich kein schlechter Kerl. Dein Wein, du Freie, dein Sprachengewirr, denkt sie, ich bin hin und weg von dir. Und er steht am Fenster, hochdroben und wiederholt, dass sie sich wirklich ranhalten müsse und sicher verstünde, dass beim Mann bei Frauen in den Fünfzigern nichts mehr laufe.

Sie ist überwältigt von dem Blick ins Weite, nickt und sagt, dass sie ihn nur zu gut verstehe. Denn bei ihr laufe sogar schon dann nichts mehr, wenn sie mit Vierzigjährigen wie ihm zu tun habe.

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