Nett (eine Geschichte ohne Geschichte)

Ja, sie sind nett. Sie haben so ein unbeschwertes Gemüt. Und sie haben mir schon viel geschenkt. Ich genieße die Stunden mit ihnen. Bin ich allein zuhause, sehne ich mich oft nach ihnen. Ich freue mich auf das Wiedersehen und werde stets freundlich empfangen.

Nur manchmal schleichen sich leichte Zweifel ein. Erst heimlich, versteckt, mir selbst unerklärlich. Doch sind sie irgenwie da, steigen leise in mir auf, ganz unmerkliche erste Zweifel. Ich kann die Gründe dafür nicht angeben, keine Szene oder Worte erinnern – ich spüre es nur unterschwellig, spüre es kaum. Woher kommen diese Zweifel? Kaum kann ich einen Gedanken darüber fassen, es ist doch nur ein vages Gefühl, ein seltsames Gefühl neben den anderen, unbeschwert. Meine angenehmen Gefühle schwinden dann, verblassen wie im Nebel. Und die Zweifel erscheinen davor wie ein Zwischenreich, ohne Farbe, Form, Kontur.

Manchmal schiebe ich diesen Nebel einfach beiseite und es ist bald wie immer. Sind die nicht wirklich nett, von rührender Anteilnahme? Was fehlt mir, was stört mich an ihnen? Das Ganze ist mir unangenehm und unannehmlich, verursacht mir schon ein schlechtes Gewissen gegenüber den Freunden. Und mein schlechtes Gewissen spüre ich wenigstens ganz bestimmt, kenne auch seine Ursache – diese Zweifel dagegen sind nur heimlich und mir unheimlich. Was ist das, was ist das in mir? Bin ich das wirklich, und wie erscheinen mir die anderen?

Ich beginne über mich, meine Zwielichtigkeit nachzugrübeln, aber auch über diese Leute, die doch eigentlich so nett sind. Gehören sie nicht zu unseren Bekannten? Was würden sie von mir denken, wenn sie von meinen Zweifeln wüssten? Es bleiben Fragen ohne Antworten, meine Sicherheit schwindet. Unbestimmbar, wie verschleiert ist die Grenze zwischen Sein und Schein. Die Zweifel nagen, jagen die Gedanken, wenn ich alleine bin, Zeit zum Nachdenken habe. Wann fing es an, womit? War es ein Lachen, das so seltsam gekünstelt war? Manchmal ein Augenzwinkern, gegenseitig, mich ausschließend, bloßstellend.


Bild: Marianne Mairhofer

Langsam sehe ich etwas. Unabweislich verdichten sich Momente, verdüstern, schaffen ersten Verdacht. Eine bittere Ahnung steigt in mir auf, eine Mahnung vorsichtig zu sein. Der Verdacht lastet schwer, lässt gesellige Abende anstrengend werden. Mir stocken die Worte, meine Blicke fahnden angestrengt und – ja, in der Tat, berechtigte Zweifel. Doch wo ist die Tat, was ist der Anklage wert? Manches lässt sich nicht durch Übermut erklären, manchmal kippt es beinahe. Doch wohin soll es kippen, was suche, erwarte ich? Warum ziehe ich alles in Zweifel?

Die Sache lässt mich nicht mehr los. Ich kann sie in diesem wie in jenem Lichte sehen. Ist beides zugleich möglich? Was ist falsch, was wirklich? Es gibt kein Wahres und kein Ganzes, nichts Festes, Beständiges, alles schwankt. Es springen die Gedanken, bersten, brechen entzwei: ich sehe, sehne, suche mich, zwei Seiten im Spiegel, Scherben springen – welche bin ich?

Meine Freundlichkeit versteinert allmählich, denn der Verdacht wächst, stärkt innerste Zerrissenheit. Ja, ich habe ernste, berechtigte Zweifel. Und diese Zweifel bleiben, unauflöslich, lassen keinen Ausweg mehr. Allerschwerste Zweifel! War nicht alles gekünstelter Schein? Ich grabe mich ein, weise ab – lieber allein als mit denen. Die Zweifel klammern sich, schieben mich unaufhaltsam in tiefsten Zwiespalt. Und der Schmerz reißt an mir wie eine klaffende Wunde, eitrig blutend, wie der Abgrund im Gletschereis, kälteerstarrend. Meine Nerven sind spannungsgeladen, fast überreizt.

Ja, es gab Streit. Und ich will nicht mehr. Will die nicht mehr sehen, diese falsche Freundlichkeit, dieses geheuchelte Interesse, versteckte Neugier, verdeckte Gier. Leise hob der Zweifel an, mahnte, fragte, pochte, bohrte – jetzt sticht er, fesselt, peitscht! Eisig dem Feind entgegen, Kampf gegen Bosheit, Verlogenheit! Es schlägt die nächtliche Stunde, und Schlag auf Schlag folgern meine Gedanken. Der Zweifel machte mich frei – und brach alles entzwei.

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