Mutter

Du machst dich kompliziert, weil du denkst, es ist interessant, kompliziert zu sein. Du willst ein Rätsel sein. Aber du bist keins.

Als meine Mutter starb, ich war 14, sah ich zunächst das Positive. Es ist nicht so, dass meine Mutter dumm war, aber imgrunde gab es nichts, was sie verstanden hätte, zumindest nichts, was sie oder mich betraf. Ich fand sie tapfer, eine unglückliche Frau, die sich ihr Unglück nicht anmerken lassen wollte. Wenn sie mit einer lächerlich frechen Frisur vom Frisör zurückkam, hatte sie ein Lächeln im Gesicht, das sagte: So bin ich. Wenn ich missbilligend den Kopf schüttelte, weil sie mit roten Strähnen im Haar ja tatsächlich deprimierend und in Wahrheit wie entlarvt aussah, tat ihr das weh, was sie sich aber nicht eingestand. Der Trick war, sich zu sagen, dass das dazugehört, wenn man gegen den Strom schwimmt, dass Verachtung der Preis war, den man zu bezahlen hatte, wenn man sich nicht einreihte in die Einheitsfront. Wahrscheinlich bin ich auch nicht anders, nur eben spiegelverkehrt. Da ich der Überzeugung war, dass sich niemand mehr irgendwo einreiht, verzichtete ich auf alle Zeichen der Individualität. Kam mir dieses Spiel irgendwann lächerlich vor? Ja, tat es, mit 17 war es damit vorbei.

JP Scharrer - Mutter

Zeichnung: Elisabeth Endres

Ohne meine Mutter, das bedeutete vor allem, dass es niemanden mehr gab, der sich verpflichtet fühlte, mich zu verstehen. Das war eine ungeheure Befreiung. Ich kam in eine Pflegefamilie, was sofort fabelhaft funktionierte. Ich war vom ersten Tag an: kein Problemfall. Ich hatte nicht die geringste Lust, gegen Herrn und Frau Müller zu rebellieren, ich erzählte ihnen viel, aber nichts von Bedeutung. Dass ich jetzt ein großes Zimmer hatte statt ein kleines und in der Wohnung klassische Musik zu hören war statt Popsongs aus den 80ern, löste fast sofort etwas in mir aus. Ich dachte jeden Tag darüber nach, was es bedeutete, mir um meine Mutter, die ich ja doch von Herzen geliebt hatte, keine Gedanken mehr machen zu müssen. Die Vorstellung, dass sie nicht mehr vorhanden war, war dauerpräsent und wie ein schönes, offenes Geheimnis, das mir Zuflucht bot. Wenn ich traurig in eine imaginäre Ferne schaute, was ich davor auch schon gern und oft getan hatte, gab es jetzt einen Grund dafür und bedurfte von den Pflegeeltern und dem Lehrpersonal und den Klassenkameraden keiner Nachfrage. Dafür war ich meiner Mutter dankbar.

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