Morgenlandreise 81

Anjuna Beach

Gestern traf ich am Strand Wolf Seidenberg wieder. In Pakistan hatten wir einige Tage lang eine gemeinsame Strecke vor uns. Silvester verbrachten wir in Quetta, in einem bis auf zwei Bettgestelle völlig leeren Zimmer einer merkwürdig heruntergekommenen Herberge. In Belutschistan tobte gerade ein Aufruhr der Bevölkerung, die sich von Pakistan lossagen wollte. Vom Zug aus hatten wir eine Horde mit überlangen Flinten fuchtelnder Rebellen auf Pferden beobachtet. Unter den Reisenden im Zug verbreitete sich die Angst, der Zug könnte bei nächster Gelegenheit überfallen werden. An allen Ecken der Stadt, vor der Post, vorm Bahnhof, selbst vor unsrer seltsamen Absteige, standen finster dreinblickende Soldaten mit geschulterten Gewehren.

Wolf wollte in den Norden Indiens, ich strebte in den Süden, nahm ein Schiff in Karatschi, das mich nach Bombay brachte. Alle Ostlandfahrer treffen sich irgendwann, bevor es auf den Winter zugeht, in Goa. Wir saßen beisammen mit noch einigen anderen, die sich am Strand niedergelassen haben. Oft ist ihre Behausung nur eine am Rand des Palmenwalds in den Sand gebuddelte Kuhle, worin sie ihren Schlafsack ausrollen. Munteres braungebranntes Völkchen. Einige werden billig, Dutzendware, sie binden sich ein indisches Fähnchen um die Hüfte, ein lunghi, stopfen sich ein Pfeifchen mit Gras und dösen in den Tag hinein. Einige beginnen zu strahlen. Das Nichtstun, die Sonne, der Sand, das Meer, das alles schält die Gesichter heraus aus ihren mannigfachen Verkleidungen.

Wolf erzählte. Eine Weile hielt er sich in einem Tal im nördlichen Kaschmir auf. Dort sind die Menschen weder buddhistisch, hinduistisch, noch muslimisch. Sie glauben an eine Naturgottheit, unvergleichbar mit einer anderen Religion. Sie wählen ein vierjähriges Mädchen, das diese Naturgottheit darstellt. Dieses Mädchen ist ihre Königin, bis seine erste Blutung eintritt, damit erlischt sein übernatürlicher Rang. Es bleibt ihm nichts andres übrig, als sich zu prostituieren, es wird eine Hure. Niemand wagt, eine ehemalige göttliche Königin zur Frau zu nehmen.

Wolf lebt sehr im Kopf. Über alles liebt er Argumentationen. Das gibt es nur, was wissenschaftlich beweisbar ist. Sein ewiges System. Er sagt häufig: Das ist das System. Welches, wird mir selten klar. Er will nach Nepal. Dort in Katmandu gibt es einen Ort, geschaffen für Leute, herauszufinden, was sie wollen. Großer Himmel. Ich mußte fortwährend lachen. Es schien mir, er wolle flaxen, und es bräuchte nur das erlösende Wort. Es ist ihm aber sehr ernst. Sogar das Lachen will er in sein System pressen. Also lacht er nie, oder nur gequält. Er ist so zum Bersten komisch, unter diesem heiteren Himmel, an diesem heiteren Strand. Er beweist so sehr das Gegenteil von dem, was er sagt. In der Silvesternacht in Quetta hatte er vom Geheimnis der Pyramide gesprochen. Ich fand es sehr schön und überzeugend. Aber das Geheimnis der Pyramide hat ihm nicht geholfen, es bleibt verschlossen für ihn.

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