Morgenlandreise 73

Wohne nun schon seit 5 Tagen am Ufer des Ganges auf einem Hausboot, das Ashant gemietet hat. Er ist ein überaus liebenswürdiger älterer Herr, ganz einfach und ungekünstelt. Einige seiner Freunde reden ihn mit Sir an. Als ich das nachahmte, sagte er auch zu mir spaßeshalber Sir. Er spricht fließend englisch, erzählt gern von seinem langjährigen Aufenthalt in London. Und da London eine meiner ersten großen Städte in meiner frühen Jugend war, haben wir ein gemeinsames Thema. Er ist sich der Schande, die das britische Empire Indien angetan hat, sehr bewußt, schätzt aber englische Lebensart und vor allem englischen (jüdischen?) Humor über alles. Dagegen kann er nicht an, sagt er. Ganz anfangs fragte er mich, ob ich ein Bett bräuchte? Ich hatte meine Decke noch über der Schulter liegen und sagte: Hier ist mein Bett. Bestens, sagte er, dann ist die Herberge schon gebongt. Ashant lacht gern, spricht sehr nachdenklich, das aber meist mit unernsthafter Miene, und manchmal platzt es einfach aus ihm heraus, ob nun sein Gegenüber (also ich) den Witz mitgekriegt hat oder nicht. Da ich auch gern lache, selbst über bösartige Streiche, wenn genügend Komik drinsteckt, haben wir ein zweites übereinstimmendes Thema. Ein drittes ist das Reisen. In Deutschland war er nie, das bedauert er. Einige Deutsche hat er kennen gelernt, sie gefallen ihm, sagt er, wie überhaupt Reisende, sie sind von anderem Kaliber, als die Seßhaften. Er spricht über Kunst, Künstler, künstlerische Arbeitsweisen. Künstler sind auch Reisende, sagt er, auch wenn sie sich nie vom Fleck rühren. Alles nur, wenn es an der Zeit ist, wenn er mir seine Stadt zeigt, wenn es sich unmittelbar von selbst ergibt. Es ist ein Dialog (von mir aus oft nur in stummer Gestik und begeisterter Anteilnahme), nie Redeschwall. Kennen Sie, fragt er mich, oder duzt er mich? (ich krieg das nie genau heraus und will es auch nicht), Khajuraho? Das ist das Aufregendste, das Indien zu bieten hat.

Gestern abend, in den dunkelnden Himmel und den dunkelnden Strom hinein, saßen wir an Deck seines Boots. Ashant, der sich auf seinem Visiten-Zettelchen Poet, Writer, Jaornolist, Old Social worker nennt, hatte einige Freunde zu seinem und meinem Gefallen eingeladen. Ein paar Kerzenflämmchen, tschai und das shilom des Hausherrn, das war die Ausstattung des Abends. Bis tief in den Morgen hinein saßen wir, meist schweigend, hin und wieder grunzte jemand vor Glückseligkeit. In mir fühlte ich den Atem des Stroms, diese leichte Bewegung des Auf und Ab, war zeitweilig sehr mit mir eins.


Benares vom Ganges aus gesehn

Ein Freund Ashants besitzt einen Kahn, mit dem er geschäftsmäßig Fremde über den Ganges stromauf und –abwärts rudert. Frühmorgens, noch im Dunkeln, holte er mich ab. Wir verweilten in der Nähe einer Verbrennungsstätte. Die Toten werden auf einer Bahre, mit Tüchern und Blumen bedeckt, an einer seichten Stelle in den Ganges gelegt. Holz wird auf einer der vielen Terrassen, worauf die Treppen münden, aufgeschichtet, der aus dem Wasser geholte Leichnam dazwischengelegt. Ein 2, 3 Stunden währendes Feuer verzehrt ihn. Die Reste werden in den Fluß gestreut. Auf den Treppen warten weitere Tote auf ihre Verbrennung.

Für Inder ist der Ganges ein heiliges, heilendes Gewässer. Sie stehen und waten verzückt darin herum, schöpfen sich mit Gefäßen das Wasser über die Köpfe, putzen sich die Zähne damit, spülen ihre Ohren aus. Kein Fleckchen des Körpers lassen sie aus. Sie grüßen mit gefalteten Händen den Tierkadaver, der an ihnen vorbeischwimmt. Sie sind ganz Verzückung, wenn sie in diesen dunklen Fluten baden. Ich für mein Teil wage nicht einmal einen Finger in diese abgründige Brühe zu stecken.

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