Morgenlandreise 67

Heute ist Karfreitag. In indischen Kalendern ist der Tag rot gedruckt, also holiday, niemand in meiner Umgebung weiß den Grund.

Traum aus letzter Nacht: Ein Haus stürzt zusammen im obersten Stock. Es rutscht alles zur Seite, auf der andern wird’s wieder aufgebaut. Die untern Stockwerke scheinen solide. Philip Methews, der Sohn von Niki de Saint Phalle, baut mit. Das Leben beginnt ein Spiel zu werden: etwas kippt weg, etwas wächst neu. Oder sollte das ganze Haus einmal einstürzen?

Traf den Saudi, meinen ehemaligen Bettnachbar wieder. Er war ganz verstört, als ich ihn ansprach, er erkannte mich nicht mehr.

Ließ mich von einer Rikscha ins Albert und Viktoria Museum bringen. Großartige Sammlung persischer, hinduistischer Miniaturen. Beeindruckende Beispiele von Kunstwerken aus der Mogulzeit. Tiefe samtene Blaus (Lapislazuli), Rots wie in pompejanischen Fresken. Prächtige Kollektion chinesischer, japanischer Fayence, Porzellane, Rüstungen. Im obersten Stock: eine Bilder-Galerie. Gutes und Mist bunt gemischt. Erheiternd zu sehn, was der Jugendstil in Indien anrichtete.

Die Engländer waren sehr prägend für die bürgerliche Schicht Indiens. Sie paßte sich an oder wurde korrumpiert. Aber der Bevölkerung auf dem Land raubte man ihre Würde und ihr Selbstverständnis, man raubte ihr die Seele. Der indische Subkontinent umfaßt eine erstaunlich heterogene Bevölkerung. Im Norden Indiens sind die Menschen hellhäutig wie Europäer, im Süden dunkel wie im Sudan. Niemand weiß genau, wie viele Sprachen und Dialekte gesprochen werden (wurden). Hindi als Umgangssprache im nördlichen Teil setzt sich allmählich als Verkehrssprache durch. Für die gehobene Schicht der Städter bleibt Englisch das Idiom. Und weil jeder kleine Polizist, jeder kleine Beamte teilhaben möchte am weltläufigen Umgang, sprechen sie ein gräßliches Englisch, das ihre Seele entstellt. Ich war mit Indern zusammen, die sich untereinander englisch unterhielten, weil sie sich in ihren landesüblichen Sprachen nicht verständigen konnten. Das Englische als Sprache der Verwaltung, des Handels, des Verkehrs, der Technik hat die einheimischen Sprachen verkümmern lassen.

Zu Abend esse ich im Shalimar. Es ist mein Lieblingslokal geworden. Es besteht aus einer großen schmucklosen Halle, mit schmucklosen langen Tischen, leichtwacklige Hocker drumherum. Zwei doppelflügelige Türen zur Straße stehen offen, über jedem Tisch surren zwei Ventilatoren. Viel Licht braucht es nicht, es gibt keine Speisekarte. Es gibt keine Musik, wie sie einen in Gasthäusern Europas berieselt. Der Ort ist Musik genug, von draußen tönen die Geräusche des Abends herein, auch quirlige Vogellaute, und vermischen sich mit dem Gemurmel und Schmatzen der Essenden. Eingeführt hat mich hier ein Inder, seither bin ich willkommen, die Kellner begrüßen mich.

Seit vorgestern schmause ich im Shalimar in Begleitung eines Bettlers. Er stand vor der Tür, als er mich herannahen sah, faltete er demütig seine Hände zur Begrüßung. Da hatte ich die Eingebung, statt ihm eine Münze zu geben, ihn zu bitten, mein Gast zu sein. Ich begrüßte ihn mit der gleichen Geste des Händefaltens und einer leichten Verbeugung und machte eine einladende Bewegung, die er verstand. Zögerlich, ein Schrittchen hinter mir, schloß er sich mir an. Ein Kellner kam herbeigeeilt, um dem Bettler den Zutritt zu verwehren. Bis ich sagte: Ich habe ihn eingeladen, er ist mein Gast, wir speisen zusammen. Wie Freunde, setzte ich hinzu.

Nun lächelte der Kellner und begleitete uns zu einem Tischlein am Rand des Saals. Fortan bleibt dieses Tischlein uns vorbehalten.

Gesprochen haben wir kein Wort miteinander, wir halten ein zurückhaltendes Zeremoniell ein. Wenn der Alte mich kommen sieht, richtet er seine Augen auf seine gefalteten Hände, und ich begrüße ihn mit gleicher Geste. Mir ist, als ging ein Strahlen von seinem Gesicht aus.

Den Kellner bitte ich jedesmal, den Bettler zu fragen, was er haben möchte, und für mich bestelle ich dasselbe, so komme ich an köstliche indische Gerichte, einfache und schmackhafte. Wenn wir essen, sitzen wir wortlos voreinander, schmatzen, schlürfen und lassen es uns ohne Umstände schmecken. Wir erfreuen uns der Gemeinsamkeit zwischen uns.

Jetzt wo ich das schreibe, weiß ich: ich bin der Gast des Alten, ich bin der vom Bettler Beschenkte.

shukkeria (Pakistan)         taschkar (Persien)         teschekür (Türkei)         =         Danke

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

1 Antwort zu Morgenlandreise 67

  1. Kurt Meier sagt:

    Jetzt wo ich das schreibe, weiß ich: ich bin der Gast des Alten, ich bin der vom Bettler Beschenkte.

    Ein weiser, wunderbarer Satz. Danke Rolf. Gruss Kurt

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.