Morgenlandreise 66

War den langen gestrigen Tag mit einer Pferdedroschke unterwegs. Ein zahnloser Alter und ein hübscher großäugiger Junge saßen auf dem Kutschbock, wahrscheinlich Großvater und Enkel. Hatte mit ihnen einen Preis für den ganzen Tag ausgemacht, kam mir vor wie ein kleiner Fürst. Einmal ließ ich vor einer Buchhandlung halten. Erst verstanden sie meine Bitte zu halten nicht. Es war noch früher Vormittag und ich fragte sie, ob sie Hunger hätten. Ja, sagte der Kleine und seine Augen wurden noch dunkler und größer. Also schickte ich ihn zur nächsten Ecke, was einzukaufen für sich und seinen Großvater, derweil ich in der Buchhandlung schmökern wollte. Jetzt verstanden sie. Bücher. Wahrscheinlich würden sie ihr Lebetag nie eine Buchhandlung betreten. In ihr erstand ich eine Anthologie englischer Gedichte und fand dies darin:

I am the poet of the body and
I am the poet of the soul
The pleasure of heaven are with me
And the pains of hell are with me
I am the poet of woman
The same as the man
And I say it is as great
To be a woman as to be a man
I have said that the soul
Is not more than the body
And I have said that the
Body is not more than the soul
And nothing, not god,
Is greater to one than one’s self is.
Song of myself:   Walt Whitman

So begeistert war ich von dem Gedicht, ich mußte es meinen beiden Kutschern vorlesen, ob sie es nun verstanden oder nicht. Sie schauten ehrfurchtsvoll und beglückt drein. Da gab es einen Deutschen (Yesyes Germany, sie hatten keinen Dunst von Europa, noch weniger von Germany) und nun las der ihnen in einem vornehmeren Viertel Bombays ein englisches Gedicht vor wie wenn es eine Strophe aus der Gita wäre.

Mittags machte ich den Vorschlag, wir könnten gemeinsam zu Mittag essen. Nicht vornehm, nicht europäisch, in einem einfachen indischen Gasthaus. Ein Gasthaus ihrer Wahl, eins, das sie aus eigner Erfahrung kennen. Eins, in dem die Inder ohne jegliches Besteck alles mit der Rechten essen, und wo man manchmal Fremden, die solche Lokale zu schätzen wissen, nebenbei ein Besteck hinlegt. Erst sträubte der Alte sich, dann aber machte der Bub seinem Großvater klar, er wisse das richtige. Und es war das richtige, einige Straßenzeilen vom vornehmen Bombay weg. Hier stimmte die Mischung, es ging weder touristisch noch ärmlich zu. Das Pferd bekam seinen Habersack vorgebunden, und wir drei saßen in verschwörerhaft vornehmer Runde und ließen uns die mit Gemüsen gefüllten chapati schmecken. Unser gemeinsames Mahl brachte uns zusammen. Als meine Fuhrleute sahen, wie ich mit der bloßen rechten Hand (nachdem ich sie mir gewaschen hatte wie meine beiden Fuhrleute), die Pfannkuchenbrocken geschickt in den Mund schob, vorher mußt du sie genüßlich durch die Soße tunken, und als sie merkten wie ich es genoß, das Essen und ihre Gesellschaft und das Treiben um uns herum, betrachteten sie mich weniger als Tourist, nun war ich mehr ein Mensch wie sie. Und sie hatten nichts dagegen, als ich sie bat, in den weniger geschleckten Vierteln der Stadt die Fahrt fortzusetzen. Der Junge hatte den Einfall, einen Tempel aufzusuchen, einen Tempel, der dem Gott Hanuman geweiht ist.

Hanuman, der Affengott, ist für vielerlei Irdisches zuständig. Der Tempel stand inmitten einer mit höllischem Lärm befrachteten Verkehrsstraße. Der Tempel war nichts andres als eine Insel, um den der alltägliche Verkehr herumfloß. Inmitten des Heiligtums stand ein riesiger jahrhundertealter Baum, um den sich der Tempel, nur mit einigen an Bambusstangen befestigten Matten eingefaßt, herumwand. Alles war licht und offen, der Baum war die eigentliche Tempelarchitektur. Und die Götter, die Hilfsgötter, die Untergötter waren eine unübersehbare Affenmeute, die sich in den Ästen des Baums tummelte, zankte und gegen den Lärm ankreischte. Affen sind nicht meine Lieblingstiere, um ehrlich zu sein, einige Sorten, die mit blankgescheuerten Hintern, sind mir recht zuwider.


Indiens beliebtester Gott Hanuman

Hanumans LIeblinge haben nicht nur häßliche Hintern, sie haben auch keinerlei göttliche Manieren. Imgrunde sind sie ein unausstehliches Diebespack. Fortwährend sieht man sie, wie sie sich von ihrer Insel fortstehlen, dabei springen sie sogar über langsam vorbeifahrende Autobusse, über Fuhrwerke, und wenn es darin etwas für ihre Freßlust zu stibitzen gibt, lassen sie es unter notgedrungener Gelassenheit der Besitzer mitgehn.

Das Zentrum des Tempels war eine Höhlung im Stamm des großen Baums. Darin brannten Kerzen, Räuchergefäße verströmten ihren betörenden Duft. Täfelchen und Girlanden aus frischen Blumen, Zettel waren ringsum an den Baum geheftet, Räucherstäbchen am Boden allüberall. Und vor dem Tempelhüter, einem hoffentlich verehrungswürdigen saddhu im Lotossitz, stand ein irdenes Gefäß, worin auf Knien vorbeirutschende Inder Münzen und Zettelchen warfen. Die, die der Hüter des Tempels, so Hanuman will, später an den Baum heftet. Stelle mir die Wünsche der Inder vor. Einer mag lauten: Hanuman, gib mir so flinke und gesegnete Hände wie deiner Affenschar.

Die könnte ich missen, nicht aber das Ereignis, das mir meine Droschkenfahrer bereiteten.

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