Morgenlandreise 62

Dean ist von Amöben zerfressen bis in die Augen hinein. Mit seinen 39 Jahren sieht er aus wie 58. Sein einziges Handwerk ist, Fremden aufzulauern an Eingängen besserer Hotels. Er bietet sich als Führer an, und gewiß kann man keinen besseren finden für die Viertel, in denen er sich auskennt. Und vielleicht fällt noch ein Geschäftchen ab, indem er für Ausländer, denen das Geld ausgeht, irgend etwas Entbehrliches aus ihrem Gepäck günstig an den Mann bringt. Dean gehört nicht zu den Millionen bettelnder Inder, die wie Gewürm dahinvegetieren. Er versucht, aufrecht zu gehen. Er haßt seinen Vater, der sich aus dem Staub gemacht hat, liebt über alles seine Mutter. Er sagt: She is like a holy cow. Er hat 3 verheiratete Schwestern, weiß aber nicht, wo sie abgeblieben sind. Er sagt, sie zu verheiraten hätte die Familie ruiniert, sie hätten sich in Schulden gestürzt. Auch den Aufenthaltsort seiner Mutter weiß er nicht mehr genau. Sein einziger Bruder ging zugrunde auf der Straße mit 25 Jahren. Er zeigte mir die Stelle. Jemand kam, ihm mitzuteilen, sein Bruder liege tot auf dem Gehsteig. Dean hatte kein Geld für eine Beerdigung, es zu erbetteln, schämte er sich. So geschah mit seinem Bruder, was mit den meisten Armen geschieht. Er wurde von staatswegen aufgelesen und anonym verbrannt. Dean sagt: Sie öffneten seinen Kopf und Bauch. Aber da war nichts mehr. Alles war ausgebrannt. Er sagt es, versucht wie Dean Martin auszusehn und kippt seine Brandymixtur hinunter, um den Schmerz in seinem Magen zu betäuben.


Tibetisches Thanka

Gestern abend hatte ich ein Treffen mit einem Arzt, der mich demnächst zu einer thanka-Sammlung führen will. Er ist Arzt für Geschlechtskrankheiten. Die Praxis ist eine Bretterbude, der Warteraum eine offene Plattform oberhalb der Straße. Die Mädchen, die dort warteten, tuschelten untereinander. Sie schienen sich zu interessieren, mit welchen Pusteln ich wohl da herumsitze. Die jüngeren Huren bringen ein wenig Anmut und Schönheit, manchmal sogar kindliche Fröhlichkeit in den höllischen Sud. Es heißt, hier in den Vierteln der Ärmsten gingen zweihunderttausend Frauen der käuflichen Liebe nach. Sie leben zusammengepfercht hinter Gittern und Verschlägen, unübersehbare Straßenzeilen lang. Wenn sich einige wenige von ihnen aus ihren Käfigen auf die Straße wagen, kommen mit Gerten bewaffnete Polizisten und treiben sie wieder in ihre Behausungen zurück. Ein indischer Polizist ist die Kopie eines englischen Militärs, vielmehr, seine Karikatur. Da er dem Touristen zeigen will, wie anständig er auf Ordnung bedacht ist, tätschelt er die Mädchen auf Arme und Rücken mit seinem Stöckchen wie Hundebesitzer ihre Vierbeiner.

Die herausgeputztesten Frauen sind Männer, Transvestiten. Sie stehen in Seitenstraßen und Gassen herum, kommen armeschwenkend und lachend auf einen zugeflogen. Jedesmal nehme ich reißaus. Lasse mich lieber von einer kessen Nutte anmachen, ob sie mir nun einen Apfelsinenschnipsel nachwirft oder eine anzügliche Geste.

Vor Jahren, sagt Dean, habe er eine Braut gehabt. Sie sei auf und davon eines Tags, jetzt lebe sie in Hongkong vom Strich. Ich sagte: Wir prostituieren uns alle irgendwie, oft viel unehrlicher als Huren. Er lächelte sein Dean Martin –Lächeln und sagte zum xtenmal: A prostitute is a prostitute. Er war scharf auf irgendwas aus meinem Gepäck. Als wir vor meiner Absteige ankamen, zog ich mein Hemd aus und schenkte es ihm. Es war drei Uhr nachts. Das Verrückte war, er sah genau wie ein unrasierter vergammelter Dean Martin aus, der feierlich mein Hemd anzieht.

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