Morgenlandreise 59

Meine ersten Stunden in Bombay

Als ich morgens vom Schiff stieg, das mich von Karatschi nach Bombay brachte, nach einer mondhellen Nacht auf der Arabischen See, überlegte ich mir meine weitere Reisestrecke. Könnte ich einen Zug besteigen, der mich ins Landesinnere brächte. Wohin? Nach Norden, nach Süden? Oder gleich Richtung Sri Lanka (das damals noch Ceylon hieß)? Dort wollte ich ein Schiff nehmen nach Japan. Ein Zen-Kloster in der Nähe Kyotos war das Ziel meiner langen Reise. Die Taxis in Bombay streikten. Mit meinem Seesack auf dem Rücken und Stiefeln an den Füßen trabte ich zum Bahnhof. Victoria Terminus. Die Eisenbahn streikte ebenfalls. Fahren morgen wieder Züge? Man konnte es nicht mit Gewißheit sagen. Also hockte ich mich inmitten der Wartenden in einer der riesigen Hallen auf den kühlenden Fliesenboden, lehnte mich an mein Gepäck und verfiel bald in ein erquickendes Mittagsschläfchen. Ich hielt es nicht anders, als viele der Inder um mich herum. Das ist das Entspannte am Orient: wenn du nicht weißt wie weiter, kannst du dich, wo du gerade bist, hinlagern, nur nicht auf eine verkehrsreiche Straße. Das ist in Indien nur den Kühen vorbehalten.

Von immer mehr Unruhe und Geschubse wurde ich wach, meine Stiefel hatte ich im Halbschlaf ausgezogen. Jajaja, sie warten auf einen Zug, erklärten mir meine Nachbarn, eine kinderreiche Familie, heute allerdings geht nichts mehr. Morgen? Inder, wenn sie etwas bejahen, wackeln mit dem Kopf, wenn sie etwas verneinen, nicken sie. Wenn sie sich nicht klar sind, wackeln und nicken sie gleichzeitig. Sehr verwirrend für unsereins. Es ist erlernbar. Und in vielen Situationen ist es gar nicht vonnöten, zu erfahren was nun genau gemeint ist. Ich deutete auf mein Gepäck, an das ich meine Stiefel gebunden hatte und sagte: Please keep it. I will back today. Ich legte meinen Zeigefinger erst ans Auge und tippte dann das Gepäck an. Das ist halbwegs die Gehörlosensprache, die international verstanden wird, vorausgesetzt, du entfernst dich daraufhin. Als ich mich umwandte, barfuß, wackelten die Köpfe der Eltern hin und her, sie sagten also ja, die Kinder waren unentschlossen, einige nickten.


Zweig eines Teestrauchs

Wenn du als Europäer in einem Basar dein Europäisches im Gesicht trägst, also das leicht unangenehme europäische Gesicht, dann wundre dich nicht, wenn du übervorteilt wirst nach Strich und Faden. Überhaupt herrschen zwischen Verkäufer und Käufer andre Gesetze, als zwischen dir und deinem Nachbarn auf der Straße. Für den bist du, sobald du ihn um etwas Erfüllbares bittest, sein Gast. Und den betrügt er nie und nimmer, sonst würde er seinen Stolz kränken. (Der Geschäftsmann hat ja seinen Stolz, dich übers Ohr zu hauen.) Ich kam mit einer leichten weißleinenen Hose und Bastschlappen zurück. Die Inder strahlten, auch die, die etwas weiter weg lagerten. Meine Familie hätte mich am liebsten zum Tee eingeladen, aber das war jetzt an mir, sie einzuladen. Ich winkte einen Buben heran, der Chai verkaufte, und einen anderen, der auf einem Tablett lauter Knabbersachen feilbot. Chai ist das Wort für Tee schon auf dem Balkan, in der Türkei, in Persien, in Pakistan. Er schmeckt überall ein bißchen anders, es gibt unzählige Varianten, aber überall schmeckt der landläufige Tee besser, als der aufgebrühte lasche Beuteltee in Deutschland. Und kostet fast nichts, man schlürft ihn hörbar und genießerisch aus Schalen, kleineren oder größeren, und wenn es ihn sehr heiß gibt und das Schälchen hat ein Unterschälchen, lassen sich die Eingeborenen es sich nicht nehmen, dir vorzuführen wie ein Profi es macht: Er kippt ein Weniges vom Tee in das Unterschälchen und schlürft und schmatzt und schleckt ihn wonnevoll in sich hinein.

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