Morgenlandreise 49


Ein Wahrsager

Zauberkünstlern, Gauklern, Straßendieben, Eckenstehern bin ich zuhauf begegnet, aber einen Wahrsager hab ich in besonderer Erinnerung. Wo genau ich auf ihn traf, weiß ich nicht mehr. Das Reisebuch gibt keine Auskunft. Meine Gedanken hab ich öfters wahllos in die Kladde geschrieben, manchmal Tage nach den Geschehnissen. Irgendwo in Pakistan muß es gewesen sein.

Flüchtig hatte ich ihn beobachtet, sein verschmitztes, vertrauensseliges Gesicht. Die Gehilfen waren buntschillernde Papageien, die sich je nach Wink und Laune auf den für sie vorgesehnen Stangen bewegten, mal mit dem Rücken zum Publikum, mal zugewandt. Der einladenden Geste folgte ich und hockte mich für ein Weilchen dazu.

Klar, ich verstand kein Wort, merkte aber bald, wenn es mir um mein Glück zu tun war, müßte ich einige Münzen springen lassen, am besten ein Scheinchen. Je höher die Spende, umso größer das Glück, dachte ich. Und so war’s. Die Papageien flatterten geschäftstüchtig herum, mit einmal sahen sie mich an. Mir wurde ganz warm.

Der Meister klatschte in die Hände und zog ein Kärtchen aus seinem Rockschoß, überreichte es mir huldvoll. Glücklich, überglücklich ging ich weiter meines Wegs, machte noch vorher verstohlen ein Foto.

Eine Zeitlang steckte das Glückskärtchen zwischen den Seiten meines Reisebuchs, dann war es nicht mehr auffindbar. Das Glück jedoch blieb bei mir.

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