Mondlichtmauer

Er lehnte an der Mondlichtmauer und rauchte, als könne der Qualm für Dunkelheit sorgen. Es war nie wirklich dunkel. Im Leben ja, in der Nacht nicht. Wenn es nicht der Halb- oder angeberische Vollmond war, waren es unnütze Straßenbeleuchtungen, Blaulichter, die in die Nacht hineinlärmten oder wenigstens Glühwürmchen. Er hasste das. Hier lehnend. Nicht an irgendeiner Mondlichtmauer. Die Mauer, an der er lehnte, sie gab es nicht. Nicht mehr. Er hatte sie hinter sich gelassen, körperlich. Vor 89. Als damals alle obenauf tanzten, die zuvor unten gewesen waren, lag er im Krankenhaus. Auch da war es nie dunkel gewesen. Radiomusik im Nachtdienst drang in seinen medizinisch künstlichen Schlaf und sorgte für aggressives Licht.

Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Was für ein Hohn. In seinem Fall. Hätte er gewartet, seinen Mut verschenkt und nicht die Flucht ergriffen, er wäre jetzt gesund. Würde sich zur 25Jahrfeier an seine Tänze auf der Mauer erinnern. Aber so war es nicht.


Zeichnung: Rolf Hannes

Das Flutlicht, das Gebell aus Kampfhundemäulern und aus den Gewehren der Vopos hatten ihn mehrfach getroffen. In einem westdeutschen Krankenhaus flickten sie ihn zusammen, stellten die Organfunktionen wieder her und entließen ihn in die Feierlichkeiten, die so farbenfroh waren, wie die DDR grau. Die Depression, die die Grenzbeamten ihm in den Kopf geschossen hatten, war mit Medikamenten unerträglich schrillbunt, ohne unerträglich weißleise.

Und so stand er jede Nacht an der Stelle, wo es vor 27 Jahren passiert war, nebelte sich ein, inhalierte tief, inhalierte tiefer. Als könne er mit dem Rauchrausblasen eine Freiheit in seinem Kopf schaffen, nach der er sich sehnte wie Ostalgiker nach der guten alten DDR. Diktatur. Wenn er wenigstens riechen könnte. Aber auch diesen Sinn hatten sie ihm weggeschossen. Niemals hätte er gedacht, dass er sich nach Braunkohleduft sehnen würde. Nicht einmal der Rauch der starken Filterlosen belebte seine Sinne. Niemals hätte er gedacht, dass er in Freiheit nur noch atmen würde, bis es vorbei war.

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