Mietshäuser

Jeden Dienstag vormittag putzt ein Mann unser Treppenhaus. Jahrelang war es ein Mann aus Bayern. Er sprach seinen urbairischen Dialekt, ich glaube, er stammte aus Franken, etwa aus der Nähe Nürnbergs, wo sie das R so herzhaft aussprechen.

Dieser Franke sprach nur seinen Dialekt, und als ich ihn erstmals ansprach, schaute er zu Boden und sagte nichts. Später, als er keine Angst mehr hatte vor meinem Hochdeutsch und ich durchblicken ließ wie sehr mir sein R gefalle, ich überhaupt eine Schwäche für Bayern hätte, dort lange zuhause gewesen und seit langem mit einer Münchnerin verheiratet sei, die auch einiges draufhat, was das R angeht, wurde er etwas aufgeschlossener. Manchmal kam eine kleine Unterhaltung zustande. Ich erfuhr nie, warum es ihn nach Freiburg verschlagen hatte. Aber soviel war klar, er litt hier wie ein Gläubiger in der Diaspora.

Mietshäuser

© Rolf Hannes

Warum wurde in unserem Mietshaus nicht von den jeweiligen Bewohnern das Putzen der Treppe selbst übernommen, so wie es in der ursprünglichen Abmachung vorgesehen war? Es gab die Regelung: Jede der 8 Wohnungen sorgt reihum für das Säubern des Treppenhauses. Die Versuche scheiterten kläglich. Einige drückten sich vorm Putzen überhaupt, einige putzten nur widerwillig und schlampig. Und die wenigen, denen es wirklich um die Sauberkeit ging, fühlten sich ausgenutzt. Über die Jahre konnte ich verfolgen, wie das Miteinander verlorenging.

Die braven Bürger in ihren eigenen Häusern haben wahrscheinlich keine Ahnung wie es inzwischen in deutschen Mietshäusern zugeht. Es wird die besseren, ordentlichen unter ihnen geben, in den besseren Stadtvierteln. Aber in den meisten der nicht besseren Stadtvierteln herrscht die Welt der Ruppigkeit, die Welt der Vereinzelung, die Welt des Wegschauens, die Welt der Gleichgültigkeit, kurzum: die Welt des bloßen Egoismus, der die Welt des Kapitalismus ist.

(Und nun kommt die große Flut und offenbart das Gegenteil von Gleichgültigkeit und Wegschauen, nämlich eine große Hilfsbereitschaft untereinander. Ist es das, was uns fehlt, eine gute Portion Not und Unglück, damit wir wieder solidarisch empfinden können? Sterben wir ab beim Säubern eines Treppenhauses, weil es uns nicht wirklich herausfordert? Brauchen wir den Schwung des Heldenhaften, die Herausforderung des Außergewöhnlichen? Es genügt vielen nicht, für ein sauberes Treppenhaus zu sorgen, lieber ist ihnen die Rolle des Deichretters, die große Geste des Menschenretters, des Retters ganzer Landstriche und Ortschaften.)

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