Mein optimiertes Sofa-Sein

Wer will das nicht – ein besserer Mensch werden? Doch mit dem Wollen ist das so eine Sache. Man will ja so vieles: früher aufstehen, sich gesünder ernähren, mehr Sport treiben, häufiger ins Museum gehen, eine Fremdsprache lernen, eine Familie gründen, die Karriereleiter erklimmen, den Müll rausbringen … Doch da ist dieser lästige Sesselpupser in mir, der gern stundenlang in Polstermöbeln versinkt, an schokobestückten Keksen knabbert, sich an Milchkaffeetassen wärmt, in Magazinen blättert oder den Wolken dabei zuschaut, wie sie in unendlichen Formvariationen am Fenster vorüberschippern.

Nach solchen Sofatagen packt mich indes jedes Mal von neuem mein schlechtes Gewissen, und ich frage mich, wie ich jemals ein besserer Mensch werden will, solange dieser Schlaffi sich in meinem Leben breitmacht. Wenn ich meinem Sein wirklich Schwung verleihen will, dann gilt es, diesen Waschlappen aus seinem Sofanest zu stoßen – das wird mir immer klarer; und so reift in mir der Entschluss, ihn endlich rauszuwerfen. Ich trinke drei Schnäpse, atme tief durch, spanne die Muskeln, lauere auf den richtigen Moment und … stürze mich mit Gebrüll auf den trägen Sack, entreiße ihm die Kekstüte, biege ihm die schlaffen Ärmchen auf den Rücken, zerre ihn von der Couch, schleife ihn in den Keller hinunter, schubse ihn in den fensterlosen Raum mit dem Altglas und verriegel die Eichenholztür. Anschließend stürme ich zurück in meine Wohnung, entsorge die Cookies, den Milchaufschäumer und die Magazine im Müllschlucker, verstaue die Sofakissen auf dem Dachboden und entwerfe einen Plan für mein neues Leben.

Jens Laloire

Bild: Marianne Mairhofer-Dornauer

Und so sieht er aus, mein neuer Start in den Tag: Um 5 Uhr morgens klingelt mein Wecker, ich hechte aus dem Bett, reiße die Fenster auf und bringe mich mit 30 Minuten Poweryoga auf Hochtouren; dann dusche ich mich eiskalt, frühstücke ein Schälchen Magerquark mit Frischobststückchen, lese dazu einen englischen Essay, stemme anschließend beim Zähneputzen die Zehnkilohantel und studiere zugleich ein paar an die Badezimmertür geklebte Vokabellisten. Zur Abrundung des gelungenen Morgens setze ich mich für ein halbes Stündchen zum Chinesischlernen an den Schreibtisch, bevor ich mit dem Rad die 30 Kilometer zur Arbeit bewältige und mir dabei einen Podcast über Neurogenetik oder Quantenphysik zu Gemüte führe.

So sieht er aus, mein Start in den Tag, in ein optimiertes Dasein – zumindest laut Plan. In der Realität entwickeln sich des öfteren unerklärliche Verzögerungen, die meist damit beginnen, dass der Wecker zu leise klingelt, weshalb ich erst um sieben Uhr erwache, erschrocken aus dem Bett stürze, mir eine Handvoll Wasser ins Gesicht spritze, meine Klamotten überstreife, mir meinen Rucksack schnappe, mit dem Rad bis zum Hauptbahnhof strample, zum Gleis hetze, mir am Automaten mit hektischen Handgriffen einen Kaffee ziehe und in den Zug stürze. Dort klebe ich dann verschwitzt im Sitz, nippe an meinem Coffee-to-go und strukturiere meine Tages-To-do-Liste leicht um.

Am Feierabend allerdings eile ich mit frischem Tatendrang nach Hause, wo diverse Tagespunkte abgearbeitet werden wollen. Bevor ich jedoch an meinem Englischwortschatz werkel, meine privaten Mails beantworte, die Küche auf Hochglanz poliere, meinen Facebook-Account aktualisiere, meine Lebensfreude-Meditation absolviere und meine Beinmuskulatur trainiere, gönne ich mir fünf mickrige Minütchen Entspannung auf dem Sofa, auf dem so gemüüüüütlichen Sofa, in dem man so herrlich versinkt. Und während ich daliege und die Behaglichkeit genieße, frage ich mich, wie es wohl dem Schlaffi im Keller zwischen all dem Altglas ergehen mag und ob ich ihn nicht wieder freilassen könnte, jetzt wo alles wie geschmiert läuft und ich mich mit Nachdruck Richtung besserer Mensch. Und während ich immer tiefer im Sofa versinke und mir die Augenlider zuklappen, sinniere ich darüber, was das eigentlich ist – ein besserer Mensch. Vielleicht ist das ja einer, denke ich, einer, der …

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