Mein Moses

Wenn das Schwarze langsam in das Graublaue übergeht, beginnt die Dämmerungsmusik bedrohlich leise. Und es ist mir, als wäre ich an ein Transfusionsgerät angeschlossen, als verschwinde irgendeine gefährliche Substanz tropfenweise in meiner blauschwarzen Vene. Diese entsetzliche Musik, vermischt mit meinem Blut, versetzt mich auf eine ungesunde Insel der Schmerzerwartung. Langsam und widerwillig wache ich auf. Das ist natürlich keine Musik. Es sind bloß gnadenlose Sekunden – die stummen Warnsignale. Denn: genau in vier Minuten werden meine Zahnschmerzen beginnen. Ja, auf die Minute genau, ich könnte meine Uhr danach stellen. Sie zeigt es teilnahmslos an, es ist halb sechs und ich habe meinen Termin beim Arzt erst um acht.

Tengis Khachapuridse - Moses

Zeichnung: Rolf Hannes

Ich drehe mich um, will nicht aufstehen, denn ich weiß wirklich nicht, was ich bis dahin machen soll. Kann mich nicht auf etwas konzentrieren. Man sagt, es gibt Leute, die in solchen Fällen zu zählen anfangen, aber das finde ich einfach idiotisch. Irgendwann raffe ich mich auf. Zum wievielten Mal muss ich heute zu meinem Folterer? Alles ist bekannt: Der Zahnarztstuhl, der Zahnarztgeruch, bekannt seit fast vierzig Jahren. Blitzblanke und bedrohlich schweigende Foltergeräte im Glasschrank. Und deren König ein Zahnbohrer, Seine Majestät, ein fröhlich summender Sadist. Ein trauriger Spucknapf neben dem Sessel, der still und geduldig allerlei Erniedrigungen über sich ergehen lässt.

Die junge Assistentin steht vor dem Foltergeräteschrank. Wortlos und traurig, wie ein Spätherbstabend in Glasgow, geht mir durch den Kopf. Sie ist noch sehr jung und scheint ihr Mitgefühl noch nicht verloren zu haben.

Na, wollen Sie mir wieder auf den Zahn fühlen, Herr Doktor? Mit diesem zahnlosen Scherz will ich mich aufmuntern und gleichzeitig krieg ich Angst vor dem ernsthaften Blick. Der Mann ist zu erfahren für solche falschen Töne. Er überhört meine Frage mit einer Duldermiene, bei der ein bisschen Spott zum Vorschein kommt. Er weiß seit jeher, dass wir Schmerzgeplagten freiwillig zu unserem Richtblock gehen, um danach erleichtert nach Hause zu kommen. Erleichtert manchmal um ein paar Zähne und in der Regel um eine Menge Geld.

Mein grässlicher Doktor schleppt mich seit Jahrzehnten, mühsam und hartnäckig, wie Moses, zu einem gelobten Land, in dem jeder Mensch angeblich unglaublich gesunde Zähne hat. Und ich stelle mir vor: In diesem Land wird unser Moses bestimmt arbeitslos. Denn was will er dort machen? Glaubt er etwa, wir würden ihm eine Ewige Rente zahlen? Da lach ich innerlich: Wer bezahlt schon das Gute mit dem Guten? Wir sind doch keine Idioten und keineswegs dümmer, als die Menschen vor dreitausend Jahren.

Machen Sie bitte den Mund auf! höre ich plötzlich und mache erschrocken nicht den Mund, sondern die Augen auf, die ich irgendwann geschlossen haben muss. Meine Rachsucht ist verschwunden und weicht der Erwartung der Folter. Himmel! Gab es eigentlich vor dreitausend Jahren auch Zahnärzte? Statt einer Antwort höre ich ein bedrohliches Summen des herzlosen Bohrers und ich seufze tief und weiß: Damals gab es bestimmt keine Zahnbohrer.

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