MASTERPIECE

Der große österreichische Aktionskünstler (und Maler) hatte ein Problem. Im hohen Alter saß ihm der Fiskus im Genick. »Haben wir nicht alle Steuern hinterzogen?«, fragte er seine alten Freunde. Die schauten betreten. »Um eine Anklageerhebung werden wir nicht herumkommen«, sagte sein Anwalt. »Und im Falle einer Verurteilung wird es sich nicht um gemeinnützige Arbeit handeln – wie beim großen italienischen Staatsmann.« »Schade. Ich hätte gerne die Scheiße vom Hintern alter Leute geputzt, um sie medienwirksam gegen die Wand zu klatschen«, sagte der große österreichische Aktionskünstler (und Maler). »Das spielt sich aber in Österreich nicht. Unsere Staatsanwälte sind scharfe Hunde.« »Also Häfn.« »Ja.« »Wie der große bayrische Fußballmanager?« »Ja.« Der große österreichische Aktionskünstler (und Maler) war entschlossen, es nicht so weit kommen zu lassen. Österreich, dem er den Großen Österreichischen Staatspreis verdankte, hatte ihn nämlich auch schon eingesperrt. Seiner Kunst wegen, die gegen dies und das verstoßen haben sollte. Es war ein zweischneidiges Österreich, dieses Österreich. Dieses in den Himmel hebende und kleinlich aburteilende Österreich. Nein, eine Gerichtsverhandlung und ein Medienspektakel auf seine Kosten, wie beim großen deutschen Tennisspieler, dem großen italienischen Staatsmann, oder dem großen bayrischen Fußballmanager, würde es mit ihm nicht geben. Der große österreichische Aktionskünstler (und Maler) nahm seinen Skizzenblock und begann etwa Fatales zu planen. Er hing mit seinen 75 Jahren eh nicht mehr am Leben, das ein reiches, und vor allem abwechslungsreiches gewesen war. Er hatte die Nation, ja die Welt mit seiner Kunst geschockt, als sich die Nation – und die Welt – durch die Kunst gerade eben noch schocken hatten lassen. Tief im 21. Jahrhundert zeigte sich niemand mehr geschockt. Es sei denn…er hatte eine Idee. Er musste dazu nur einen Kollegen einweihen, einen Künstler, größer noch als er selber. Er sollte ein Gerät verpacken. Und so stand, nach erfolgreichem Genehmigungsverfahren, ein in eine große, österreichische Fahne verpacktes Gerät hundert Meter vor der nackten Betonwand des nie in Betrieb genommenen großen österreichischen Atomkraftwerkes Zwentendorf. Der Name des Künstlerkollegen, des großen bulgarischen Verpackungskünstlers, und der des großen österreichischen Aktionskünstlers (und Malers) hatte Schaulustige und Presseleute aus aller Welt herbeigelockt. Aus Lautsprechern erklang ein Lied des großen amerikanischen Sängers: When I paint my masterpiece und zwei Nackedeis enthüllten das Objekt. Es war ein Katapult. In dessen Schaufel thronte, in schwarzer Kutte und mit theatralisch wehendem Bart, der große österreichische Aktionskünstler (und Maler). Er hob den Arm – und das Volk verstummte. Alles befürchtete eine Rede, doch der große österreichische Aktionskünstler sagte nur: I AM A MASTERPIECE.

Karl Kinaski - N. über dem AKW

Dann schleuderte ihn das Katapult in Richtung des AKWs…Am nächsten Tag war in einer großen österreichischen Zeitung zu lesen: »Das Katapult beschleunigte N. mit siebenfacher g-Kraft, sodass er, als sein Körper dieses verließ, bereits bewusstlos war. Durch einen kleinen Einstellungsfehler sind die Zuschauer einem entsetzlichen Schauspiel entgangen. Ein von N. hinterlassener Abschiedsbrief macht nämlich deutlich, dass er gegen die Betonwand des AKWs geschleudert werden wollte. Zitat: Ich will am AKW wie ein Insekt zerplatzen, wenn es auf der Autobahn von einer Windschutzscheibe erwischt wird. N. wurde jedoch über das AKW geschleudert und landete in der Jauchengrube des Bauern Redlich. Dank der Tiefe dieser Grube überlebte N. schwerverletzt. N. wollte sich, wie es in seinem Brief weiter heißt, Zitat: in einer Kunstaktion von nicht nur mehr kunst- sondern welthistorischer Bedeutung höchstpersönlich in ein Kunstwerk verwandeln: in Form eines am Meiler des AKWs zerplatzten Körpers. Daraus wurde nichts. Man sah eine Aktion – ohne daraus resultierende Kunst.«

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